Die Erzählung "Kommissar Streng und der Fall Krasky" ist als Blog-Eintrag zu lang.
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Sonntag, 3. Dezember 2006
Freitag, 1. Dezember 2006
Kommissar Streng hilft einer Rentnerin, einem Neger, einem Arzt und schließlich sich selbst
Der Stadtpark in Nürnberg ist nicht nur der Stadtpark mit den meisten Kraftorten in der Welt, sondern auch die international unumstrittene Hochburg ständig zu Scherzen aufgelegter Rentnerinnen, deren Rente für Kuren auf Schönheitsfarmen oder Kreuzfahrten in die Karibik zu schmal ist. Sie sind daher gezwungen, kleine Vergnügungen mit den bescheidensten Mitteln zu Hause zu inszenieren. Seinen schlechten Ruf als Dorado der Gemeinheit aus Langeweile verdankt der Nürnberger Stadtpark dem Einfallsreichtum, der Kreativität und vor allem der Gnadenlosigkeit seiner Rentnerinnen.
Hier denke ich zum Beispiel an Elisabeth (genannt Elsbeth) Wadelbeiß, über deren letzte Glanztat unlängst die Nürnberger Zeitungen unter armdicken Schlagzeilen berichteten. Elsbeth liebte es, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden, die Gaudi mit einer guten Tat. Schon lange war ihr die kriminelle, drogensüchtige Sippschaft ein Gräuel, die im Stadtpark herumlungerte, mit Negertrommeln infernalischen Lärm erzeugte und alten Rentnerinnen die Handtaschen mit der Rente wegriss. Um zumindest einem dieser Burschen nachhaltig Mores zu lehren und den Rest der Bande auf Jahre das böse Treiben zu vergällen, war sie auf einen Trick verfallen, den satanisch zu nennen mangelnden Respekt vor der Würde des Alters unter Beweis gestellt hätte. Kurz: Elsbeth trug stets, wenn sie im Stadtpark mit schweren, müden Beinen ihr aus dem Tierheim gerettetes Zamperl ausführte, eine großformatige, unübersehbare, verlockende Handtasche bei sich. In dieser befand sich jedoch - von wegen! - nicht etwa ihre Rente, sondern eine Bombe, deren Detonation mit einer Fernsteuerung ausgelöst werden konnte. Den Sender hatte sie, stets griffbereit, unter ihren Röcken verborgen.
Lange, quälend lange musste die wackere Elsbeth auf ihre große Stunde, auf den Triumph ihres Willens warten. Dann, im Dämmerlicht eines sterbenden Tages, zwinkerte ihr ein guter Stern aufmunternd zu. Sie saß gerade auf einer Bank in der Nähe der Süd-Pagode (einem berühmten Wahrzeichen des Parks), um ihre rheumatischen Knochen, ihre gichtigen Gelenke, ihre unter der Last ihres Gewichtes ächzenden Hüften ein wenig Erholung zu gönnen, da sah sie ein überaus verdächtiges Subjekt auf sich zukommen. Bevor sie auch nur einen weiteren Blick auf die zwielichtige Gestalt verschwendete, exponierte sie ihre Handtasche instinktiv gut sichtbar neben sich auf der Bank und schnitt die hilfloseste, wehrloseste Miene, die sich je einem Gewalttäter auf Diebstour präsentiert hat.
Der Verbrecher war ein Farbiger, einer jener dunklen Gesellen, die, so behauptete Elsbeth, in Rotten über den Stadtpark herfallen wie die Heuschrecken, mit ungeheurem Appetit auf Handtaschen. Mit schändlichem Geschick hatte er sich als Behinderter getarnt, der sich mühsam an Krücken seines Weges schleppte; ihm fehlte der linke Unterschenkel und der rechte Unterarm; die rechte Krücke hatte er am Armstumpf befestigt. Elsbeth durchschaute den infamen Plan sofort. Sie ließ sich auch nicht von der Tatsache täuschen, dass der Schwarze sich an ihr vorbei quälte, ohne ihre Tasche auch nur eines Blickes zu würdigen.
Als er Anstalten machte, unverrichteter Dinge hinter einer Baumgruppe zu verschwinden, dort, wo ein Weg zu einem Nebenausgang des Stadtparks abzweigte, schoss es Elsbeth wutentbrannt durch den Kopf: "So einfach kommt er mir nicht davon, der Neger, der Langfinger, der schwarze."
"Junger Mann!" rief sie ihm hinterher. "Helfen Sie mir, bitte, es pressiert."
Der Afrikaner witterte seine Chance. Er simulierte besonders herzzerreißend seine angebliche Behinderung und schleppte sich die zwanzig, dreißig Meter zurück zur Bank, auf der Elsbeth, vor gespannter Erwartung beinahe explodierend, aber vollkommen selbstbeherrscht seiner harrte. Im Grund bewunderte sie den Farbigen, weil es ihm so vortrefflich gelang, seine Heimtücke hinter dem Anschein selbstloser Hilfsbereitschaft zu verbergen.
Sie sei eine arme, schwache, alte Frau, die es zudem ganz schlimm an der Blase habe. Daher müsse sie, erklärte sie dem Farbigen umständlich, nun schnell einmal hinter die Büsche, ob er nicht derweil auf ihre Tasche acht geben könne, in der sich ihre gesamte Rente befinde. Der Schwarze erweckte den Eindruck, dass ihm dieses Ansinnen überaus peinlich sei, zeigte sich dann aber doch, Herzensgüte vortäuschend, bereit, dem Wächteramte gewissenhaft zu obliegen. Elsbeth konnte es kaum erwarten, hinter den Büschen zu abzutauchen, doch um den Schwarzen nicht misstrauisch zu stimmen, entfernte sie sich mit der ihrem Alter geziemenden Langsamkeit. Endlich hinter dichtem Gestrüpp verborgen, nestelte sie den Sender hervor und wollte gerade den Roten Knopf drücken, als vor ihren Augen aus dem Nichts ein Fuß auftauchte. Der Fuß war mit einem Stück Unterschenkel verbunden, der säuberlich vom Bein abgetrennt worden war. Es handelte sich aber keineswegs um ein Leichenteil, dass bei einem Unfall abgerissen und von der sinnlosen Kraft der Zerstörung in den Park geschleudert worden war, keineswegs.
Es war ein, soweit Elsbeth dies beurteilen konnte, dem Augenschein nach völlig intakter Fuß, der in graue Socken gehüllt war und in schwarzen, gewienerten Herren-Lackschuhen steckte. Kaum hatte die Rentnerin den Gegenstand identifiziert, hatte sich der abgeschnittene Unterschenkel zu einem vollständigen Bein verlängert, das in einem glänzend grauen Hosenbein steckte. Das Hosenbein erinnerte Elsbeth an eine der überaus unauffälligen Diensthosen der Kriminalpolizei; diesbezüglich kannte sich die Bayerin bestens aus; ihr Hobby brachte das mit sich.
Was auch immer noch zum Vorschein kommen sollte, Elsbeth war gewarnt. Rasch ließ sie die Fernsteuerung für die Bombe wieder unter ihren Röcken verschwinden, natürlich ohne den Roten Knopf zu betätigen. Und schon tauchte das Gegenstück des Fußes, dicht gefolgt von entsprechenden Unterschenkel auf; wenig später standen zwei Beine in grauen Diensthosen vor ihr, die schließlich durch einen Rumpf miteinander verbunden wurden, der dann, mit einer gewissen Verzögerung, die seiner Bedeutung entsprach, durch einen Kopf gekrönt wurde. Es war Streng; er schaute das Mütterlein, das durch spitze Schreie ihrer Rolle entsprach, verwirrt an; Elsbeth versuchte, mit ihren Greisinnenärmchen die Handtasche fest zu umklammern, doch dann erinnerte sie sich, dass diese ja der Schwarze bewachte.
Also kreischte sie: "Polizei! Polizei! Man hat mir meine Handtasche gestohlen. Ein Neger war's, ein afrikanischer!"
"Streng!" sagte der Kommissar, "Kommissar Streng. In welche Richtung ist der Täter gelaufen?"
Obwohl ihr die Anwesenheit des Gesetzeshüters überhaupt nicht ins Konzept passte, empfand Elsbeth die Situation überaus belustigend, und es fiel ihr schwer, dem Polizisten überzeugend das gramgebeugte Mütterlein vorzuspielen.
"Dort, dort!" fistelte sie und fuchtelte mit beiden Armen in alle Himmelsrichtungen. Streng war in seinem Element.
"So beruhigen Sie sich doch, es kann Ihnen ja nichts mehr geschehen! Ist der Kerl den Hauptweg entlang gelaufen oder ist er dort abgebogen?"
Er deutete auf den Trampelpfad in Richtung Stadtzentrum. Statt einer Antwort winselte Elsbeth wie ein junger Hund. Nichts wünschte sie sich weniger, als dass der Kriminalbeamte den Farbigen mit der Handtasche erwischen könnte, denn dann müsste sie ja aus Sicherheitsgründen beide in die Luft sprengen.
Der Schwarze, der bisher geduldig auf die Rückkehr des Mütterleins gewartet hatte, schaute nunmehr nervös auf seine Uhr. Da ihm, dem Haitianer, die Künste des Voodoos nicht unvertraut waren, spürte er jenes verräterische Ziehen in der Magengegend, das ihm unmissverständlich riet, unverzüglich Fersengeld zu geben. Natürlich ließ er die Tasche zurück, denn er war ein durch und durch ehrlicher Mensch, und sprintete davon. Sein gesundes Bein und den Beinstumpf mit Prothese knickte er nach hinten ein. Er galoppierte nun mit schwindelerregender Sicherheit nur auf seinen Krücken. Der Kommissar sah einen Farbigen fliehen und verfolgte ihn mit der dumpfen Ausdauer, die den geborenen Pflichtmenschen auszeichnet.
Elsbeth nützte die Gelegenheit, sich ihrerseits aus dem Staub zu machen. Zuvor nahm sie die Bombe aus der Tasche und ließ sie in ihrem Ausschnitt verschwinden. Die Tasche warf sie ins Gebüsch, in der Gewissheit, dass die Polizei sie ihr in ein paar Tagen schon zurückerstatten werde. Sie freute sich schon darauf, die Beamten dann in ein Gespräch über die heutige Jugend im allgemeinen und "drogensüchtige Neger" im besonderen verwickeln zu können. Nicht zu unrecht, wie sich herausstellte, hoffte sie, dass die Nürnberger Zeitungen über diese ruchlose Tat und vor allem über den Verlust ihrer Rente berichten würden, verbunden mit einer Spendenaktion, die sicher die Herzen mitleidiger Seelen rühren und ihr ein erkleckliches Sümmchen einbringen würde. Sie hätte sich jetzt natürlich lieber an einem Bombenkrater erfreut, aber eine vom Leben gebeutelte Frau muss sich eben mit dem zufrieden geben, was sich ihr auf ihre alten Tage noch bietet.
Für neugierige Leser bleibt nachzutragen, wie Elsbeth Wadelbeiß in den Besitz einer Bombe mit Fernzündung gekommen war. Im Grunde ganz einfach: Schließlich gibt es noch liebende Enkelkinder, die ihren Großmüttern gern einmal einen Wunsch erfüllen. Und falls der Enkelsohn gerade seinen Wehrdienst ableistet, dann... Auch wenn man es der alten Dame gar nicht zutrauen mag: Die Einzelteile, die der Enkelsohn aus dem Waffendepot herausschmuggelte, wurden von ihr eigenhändig und ohne fremde Hilfe zusammengebastelt. Im Krieg erst Rüstungsarbeiterin, dann Blitzmädel, später Trümmerfrau, jetzt Feuerwerkerin...
"Elsbeth, trau' dich was!" Nach dieser Devise hatte sie schon manche Bombe hochgehen lassen.
Streng hatte die Fünfzig bereits weit hinter sich gelassen, er rauchte und soff, als sei er unsterblich, aber trotzdem war er immer noch einer der besten Marathon-Läufer im Viertel; obwohl es also dem Farbigen mit einem fulminanten Sprint zunächst gelang, den Abstand zwischen sich und dem Kommissar zu vergrößern, fand er doch keine passable Gelegenheit, sich vor den Blicken Strengs zu verbergen, und so verjüngte der Kriminalbeamte, von der Leidenschaft des Langstreckenlaufs beflügelt, zunehmend die Distanz zwischen sich und dem Flüchtenden, der bald den heißen Atem des Gesetzes in seinem Nacken spürte.
Streng war dem Farbigen beinahe zum Greifen nahegekommen, aber eben nur beinahe. Und so sah er sich gezwungen, seine letzten Reserven zu mobilisieren, sie gleichsam auf eine Karte zu setzen. Er entwickelte eine innere Dynamik, die Streng "Die Stimme zum Willen" getauft hatte; die Stimme war nicht die treibende Kraft, aber sie schwamm zustimmend in ihrem Strom.
Wie die meisten Marathon-Läufer war Streng ein Liebhaber der Kunst des wortlosen Denkens und Sprechens und ein Meister in ihr. "Die Stimme zum Willen" war also nicht durch antreibende Phrasen wie "Du schaffst es!" oder "Nicht aufgeben!" verunreinigt, sie vermochte daher die ganze Fülle des Willens zu durchdringen. Wer in diesem Geiste Marathon läuft, bereist die unwirtliche und unwirkliche Welt des reinen Willens. Streng liebte diese glitzernden Eislandschaften. Dann hatte er ihn.
Unter dem Zugriff des Kommissars verlor der Mann aus Haiti das Gleichgewicht und stürzte. Instinktiv und blitzschnell erkannte Streng, dass dieser Mensch völlig harmlos war. Erstaunlich war allerdings, dass er trotz seiner schweren Behinderungen so schnell laufen konnte. Der Farbige hielt die Arme schützend vor seinen Kopf und wimmerte. Diese Zeichen der Schwäche ließen Streng, der am Ende seiner physischen Kräfte und entsprechend reizbar war, vor Zorn rasend werden, aber er war psychisch stark genug, um seinem Zorn nicht durch entsprechendes Handeln Erleichterung zu verschaffen. "Streng, Kriminalpolizei!" stieß Streng, nach Luft schnappend, hervor. "Wenn Sie sich friedlich verhalten, haben Sie nichts zu befürchten. Stehen Sie unbesorgt auf... oder sind Sie verletzt?"
Der Schwarze rappelte sich auf und schaute scheu um sich. Als er dem konsternierten Blick des raubtierhaft hechelnden Kommissars begegnete, zitterte er wie unter Stromstößen. Nun endlich begriff Streng, dass er hier nicht nur dienstlich, sondern vor allem menschlich gefragt war.
Er berührte den Farbigen sanft an der Schulter: "So beruhigen Sie sich doch, es liegt nichts gegen Sie vor!"
Sofort hörte der Neger zu zittern auf, betrachtete Streng jedoch mit Augen, die das gesamte Misstrauen der schwarzen gegenüber der weißen Rasse auszudrücken schienen. Streng fühlte sich schuldig, ohne sich einer Schuld bewusst zu sein, hatte er doch nur seiner Pflicht entsprochen, aber eben nur seiner Pflicht. Hätte ihm nicht eine innere Stimme befohlen, sich zu fassen, so wäre er am Sinn seines Berufes verzweifelt. So aber begann er, sich mit Ressentiments nicht gegenüber den Schwarzen schlechthin, aber gegenüber diesem Mann aus Haiti gegen aufkeimende Selbstzweifel zu wehren. Dieser Kerl stellte sich einfach zu sehr an.
Hier galt es nun, seinen Aufgaben als Polizist gerecht zu werden - nach Möglichkeit höflich und bürgernah, wenn es sein musste, auch rau, aber herzlich...
Und nun verlor dieser verdammte Neger zu allem Übel sein Bewusstsein. Dem Haitianer sackten Bein und Beinstumpf weg; Streng schaffte es gerade noch, ihn aufzufangen. Der Kommissar setzte den Farbigen vorsichtig auf dem Boden und versetzte ihm ein paar leichte Backenstreiche. Der Mann erwachte aus seiner Bewusstlosigkeit, nannte seinen Namen - Enrique Martinez -, behauptete, genau zu wissen, dass Streng unter dem Einfluss einer Hexe stünde, dann versank er in geistesabwesendes Schweigen.
Es gelang Streng nicht mehr, Enrique Martinez zum Reden zu bringen, obwohl er die gesamte Palette erprobter Verhörmethoden abspulte. Der Mohr saß im Gras, schaute treuherzig ins Nichts und seufzte hin und wieder wie ein altes Mütterlein beim Anblick des Grabes ihres Ehegatten.
Streng war all der Menschen, die unter seinen Augen von der Norm abwichen, dermaßen überdrüssig, dass er vor Ekel, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, vielleicht aber auch aus uneingestandener Solidarität, selbst für eine nicht messbare Zeitspanne lahm, taub und blind wurde. Als er endlich wieder zu sich kam, sah er, dass ihn zwei stämmige Gäule hämisch und höhnisch fixierten. Auf den Pferden saßen Polizisten in den ulkigen Uniformen der Nürnberger Parkpolizei. Die Ordnungshüter des Stadtparks trugen weiße, wallende Engelsgewänder und Heiligenscheine aus Messing - eine Tribut an amerikanische und japanische Touristen; Kommentare der Einheimischen waren bei Strafe verboten.
Streng gab sich als Kriminalbeamter zu erkennen und delektierte sich an der kindischen Illusion, die Pferde stünden nun innerlich vor ihm stramm. Er bat die Polizisten, ihn mit dem Präsidium sprechen zu lassen. Mit klobigen, eckigen Bewegungen, die sicher auch die Furcht des biederen Beamten reflektierten, wegen des albernen Gewandes für schwul gehalten zu werden, klaubte der ältere der beiden Parkpolizisten sein Funksprechgerät hervor; er stellte die Verbindung mit der Zentrale her, schilderte den Sachverhalt, soweit er ihn überblickte, und überreichte das Walkie-Talkie dann dem Kommissar.
Nachdem sich Streng identifiziert und mitgeteilt hatte, dass der vorliegende Fall höchster Geheimhaltung unterliege - er nannte das entsprechende Codewort -, wurde es am anderen Ende der Funkverbindung für rund dreißig Sekunden totenstill... dann erinnerte sich der Beamte in der Zentrale an die entsprechenden Dienstanweisungen. Er bestätigte dem Kommissar förmlich, dass dieser nun uneingeschränkte Weisungsbefugnis besitze; anschließend ordnete Streng an, dass sofort ein unauffälliger, ziviler Personenwagen den Haitianer und ihn abzuholen habe, die Begleitung eines Arztes sei unbedingt erforderlich.
Es sei äußerste Eile geboten, da er, Streng, um das Leben eines unbekannten Farbigen fürchte, der nicht nur überaus merkwürdige Krankheitssymptome aufweise, sondern vermutlich auch, da er offensichtlich zuviel wisse, mit einem Mordanschlag rechnen müsse. Im übrigen seien die Parkpolizisten umgehend abzuziehen, da sie höchstwahrscheinlich die Aufmerksamkeit von Passanten auf ihn und seinen Schutzbefohlenen lenken würden, und dies dürfe er im Augenblick aus Sicherheitsgründen nicht riskieren. Er könne eine Schießerei oder einen Angriff mit Handgranaten nicht ausschließen.
Noch diesen präzisen Befehlen verabschiedete sich Streng dienstlich kühl und gab dem älteren Parkpolizisten das Funksprechgerät zurück, der daraufhin die Anweisung erhielt abzurücken. Die beiden Beamten befolgten diese Anweisung mit mühsam verborgenem Bedauern, da der Vorgang natürlich ihre Neugier geweckt hatte.
Kaum war das Pferdegetrappel verklungen, erwachte Enrique aus seiner Trance. Es sei fürchterlich heiß, klagte der Haitianer, er habe grausamen Durst, er könne kaum schlucken und seine Zunge sei geschwollen. Streng fror, als herrsche klirrender Frost. Es war ein bewölkter Septembertag; die objektive Temperatur entsprach der Jahreszeit. Während dem Farbigen der Schweiß in Strömen über die Stirn lief, zitterte der Kommissar wie ein nackter Mann im Kühlhaus.
Zum Glück erschien das bestellte Fahrzeug, als habe es in ummittelbarer Nähe auf seinen Einsatz gewartet; ein Beamter in Zivil, der auf dem Beifahrersitz gesessen hatte, brachte Streng einen warmen Pelz und dem Haitianer ein eisgekühltes Bier. Nachdem sich der Kommissar in den Pelz gehüllt und Enrique das Getränk mit hastigen Zügen getrunken hatte, klagten beide über ein überaus unangenehmes Brennen, das den gesamten Rücken erfasst hatte und sich von dort über die Gliedmaßen auszubreiten begann.
Der Beamte winkte den Fahrer des Wagens herbei, der sofort ausstieg und sich als Arzt zu erkennen gab. Nachdem Streng und Martinez dem Mediziner ihre Symptome geschildert hatten, wollte dieser sie sofort ins Krankenhaus fahren, da die Krankheitszeichen, so vermutete er, zum Erscheinungsbild diverser, gefährlicher Tropenkrankheiten gehörten, von denen einige höchstgradig ansteckend seien und, wenn nicht zum Tode, so doch zu Siechtum und geistiger Umnachtung führen könnten.
Streng widersetzte sich dem ärztlichen Rat mit dem Argument, er kenne die wahren Ursachen der Symptome, über die er allerdings nicht sprechen dürfe, diese seien aber auf keinen Fall mit den Mitteln der westlichen Medizin und vor allem auch nicht in einem Krankenhaus zu behandeln. Er übernehme die volle Verantwortung dafür, sofort mit dem Haitianer in seine, Strengs Wohnung zu fahren und dort auf einen Spezialisten zu warten, der sich in derartigen Fällen auskenne. Warum Streng so redete und handelte, wusste er selber nicht – es war, als stünde er unter einem Zwang oder als sei er die Marionette eines fremden Willens.
Als der Arzt widersprach und sich auf sein medizinisches Fachwissen berief, zog Streng seine Dienstwaffe: "Meine Herren, Sie werden meine Anordnungen ohne Widerspruch befolgen. Die nationale Sicherheit ist bedroht! Sie können die Situation nicht beurteilen. Fahren wir! Sofort!"
Der Arzt und der Zivilbeamte fügten sich murrend. Streng erweckte den Eindruck, genau zu wissen, was er tat und notfalls auch zu tun, was seine stumme Drohung mit der Waffe implizierte.
Natürlich hatte Streng gelogen, als er einen Spezialisten ankündigte, denn einen Fachmann für derartige Fälle oder die Behandlung ihrer Folgen kannte er nicht. Aber er wusste, dass in diese Angelegenheit auf keinen Fall uneingeweihte Menschen involviert werden durften, die sich von Berufs wegen für kompetent hielten.
"Wenn wir Glück haben", flüsterte Enrique dem Kommissar zu, "dann ist der Vortänzer schon auf dem Weg zu Ihnen!"
Obwohl Streng vollkommen schleierhaft war, worin dieses Glück bestehen solle, zumal er den Vortänzer nicht kannte, sich unter diesem Begriff auch nichts vorstellen konnte, begrüßte er dennoch wider alle Vernunft Enriques Bemerkung als Silberstreif am Horizont. Er versagte dem Haitianer einen Kommentar hierzu mit einem Blick, der jeden Kommentar überflüssig erscheinen ließ.
Obwohl - oder gerade weil - Streng der Begriff "Vortänzer" nichts sagte, präziser formuliert, obwohl Streng mit diesem Begriff zwar einige mehr oder weniger abstruse Vorstellungen verbinden konnte, bei denen sich allerdings kein Zusammenhang zur gegenwärtigen Situation herstellen ließ... obwohl also "Vortänzer" offenbar keine wesentliche Information barg, ging dem Kommissar dieses vertrackte Wort immer wieder im Kopf herum.
Als Streng die Tür zu seiner Wohnung zu öffnen versuchte, stellte er fest, dass ein relativ schwerer Gegenstand innen vor der Tür lag, der sich nur sehr schwer zu Seite schieben ließ. Nach einigen erfolglosen Versuchen Strengs gelang es dem Kommissar und dem Kripo-Beamten schließlich mit vereinten Kräften, die Tür soweit zu öffnen, dass der Drahtigste, also der vom Suff ausgezehrte Streng durch den Spalt hindurchschlüpfen konnte.
Nachdem sich Streng ächzend und fluchend in seine Wohnung gezwängt hatte - beinahe bis zum Kontrollverlust gereizt durch die albernen Anfeuerungsrufe seiner Begleiter (nur der Farbige schwieg) -, sah er, was die Tür versperrt hatte. Es handelte sich, wie zu erwarten war, selbstredend um eine Leiche, die aus einer Schusswunde an der Schläfe blutete. Aber es war nicht irgend ein toter Körper - es war die Leiche Strengs. Der Tote glich dem Kommissar aufs Haar, als sei er sein eineiiger Zwilling. Streng aber war sich sicher, ein Einzelkind zu sein.
Der Kriminalbeamte fasste seine Leiche unter den Armen und zog sie in den Flur, damit die anderen eintreten konnten. Sie war erstaunlich leicht, als bestünde sie ausschließlich aus feinstofflicher Materie, obwohl sie sich wie ein ordinärer menschlicher Kadaver anfühlte. Streng verrichtete diese Arbeit mechanisch, ohne erkennbare Gefühlsbewegung, offenbar stand er unter Schock. Kaum war die Tür frei, stürmten der Kripo-Mann, der Polizeiarzt und der Haitianer herein. Der Blick des Farbigen geisterte von Strengs Leiche zum lebenden Streng und wieder zurück, dann erbleichte er, als könne er wie ein Chamäleon die Farbe wechseln. Streng erfasste intuitiv, warum den Farbigen das nackte Entsetzen entfärbte. Strengs Leiche war mehr als ein böses Omen, sie war ein Außenposten der Hölle.
"Sind dies denn die Symptome des Delirium tremens?" fragte sich Streng, zwischen Zerknirschung und Hoffnung schwankend. "Bin ich nun endlich dem Säuferwahnsinn verfallen, wie mir von sämtlichen Ex-Schwiegermüttern immer wieder prophezeit worden ist?" Bedachte man das Ausmaß des Alkoholkonsums, mit dem sich Streng vor Verzweiflung und dem inneren Drang zur blutrünstigen Raserei schützte, so war diese Hypothese sicher nicht leichthin von der Hand zu weisen - und jede Form des Wahnsinns wäre dem Kommissar lieber gewesen, als wenn sich dies alles als Realität herausgestellt hätte... dann aber blieb die bange Frage: "Wo waren die weißen Mäuse?"
Diese außerhalb dieses Sinnzusammenhanges lächerliche Frage zuckte wie Elektrizität ins Zentrum seiner Existenz. Ein Sturzbach des Lebensdurstes schnitt einen tiefen Graben zwischen sich und seiner Leiche. Der Arzt öffnete seinen Koffer und zog mit finsterer Miene eine Spritze auf. Er setzte sie sich selbst intramuskulär, mit einem unterdrückten Seufzer der Erleichterung. Der Polizist blickte ihn halb missbilligend, halb neidisch an. Streng fragte den Arzt, ob auch er etwas Schnellwirkendes zur Beruhigung erhalten könne. Der Arzt injizierte eine Substanz, die rosarote Schwaden durch Strengs Bewusstsein ziehen ließ.
Verwandlung zu nennen, was nun mit Strengs Leiche geschah, hieße, einen Zauberer vorauszusetzen, dazu bestand nach Faktenlage kein Anlass. Sprechen wir also lieber neutral von Veränderung. Es ging blitzschnell, keine Spezialeffekte á la Hollywood. Aus Strengs Leiche wurde ein etwa sechszigjähriger, korpulenter Mann mit einer Knollennase. Erst lag er noch da wie tot, doch dann schlug er die Augen auf, erhob sich, ging ein paar Schritte auf und ab - der Polizeibeamte übergab sich, Streng schüttelte grundloses Lachen - und bat um ein Glas Wasser. Der Kommissar schüttete dem Mann ein Glas Whiskey ein, das dieser gierig herunterspülte. Er nannte seinen Namen: Hausner.
Animiert von Hausners Beispiel, schien nun auch den anderen ein Alkoholrausch der beste Ausweg aus der augenblicklichen Verwirrung in die trunkene Konfusion; Streng verteilte den Rest der noch fast vollen Flasche auf Wassergläser und prostete seinen Leidensgenossen kampfesmutig zu. Das braune, billige Gesöff stieg dem Kommissar und dem Arzt, die sich ja zuvor ein starkes Beruhigungsmittel injiziert hatten, besonders schnell zu Kopfe.
Als der Polizist und der Neger bemerkten, dass die beiden anderen sie auf dem Weg zur Besinnungslosigkeit weit hinter sich ließen, verlangten sie ebenfalls nach einer Spritze und erhielten sie. Dann klaubte der Kommissar eine volle Flasche Fusel aus einem seiner Verstecke; daraufhin ließ sich die Gruppe in den abgewetzten Polstersesseln des Streng’schen Wohnzimmers nieder und jede Haltung fahren.
Der Chronist überlässt es der Phantasie des Lesers, sich den weiteren Verlauf des Besäufnisses in prallen Farben auszumalen. Es bleibt nachzutragen, dass sich die Verbalinjurien und Körperverletzungen durchaus in jenem halbzivilisierten Rahmen hielten, der bei derartigen Gelegenheiten üblich ist. Jedenfalls waren keine Blutopfer zu beklagen und die wechselseitigen Beleidigungen wurden von der Amnesie des folgenden Tages verschluckt.
Hier denke ich zum Beispiel an Elisabeth (genannt Elsbeth) Wadelbeiß, über deren letzte Glanztat unlängst die Nürnberger Zeitungen unter armdicken Schlagzeilen berichteten. Elsbeth liebte es, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden, die Gaudi mit einer guten Tat. Schon lange war ihr die kriminelle, drogensüchtige Sippschaft ein Gräuel, die im Stadtpark herumlungerte, mit Negertrommeln infernalischen Lärm erzeugte und alten Rentnerinnen die Handtaschen mit der Rente wegriss. Um zumindest einem dieser Burschen nachhaltig Mores zu lehren und den Rest der Bande auf Jahre das böse Treiben zu vergällen, war sie auf einen Trick verfallen, den satanisch zu nennen mangelnden Respekt vor der Würde des Alters unter Beweis gestellt hätte. Kurz: Elsbeth trug stets, wenn sie im Stadtpark mit schweren, müden Beinen ihr aus dem Tierheim gerettetes Zamperl ausführte, eine großformatige, unübersehbare, verlockende Handtasche bei sich. In dieser befand sich jedoch - von wegen! - nicht etwa ihre Rente, sondern eine Bombe, deren Detonation mit einer Fernsteuerung ausgelöst werden konnte. Den Sender hatte sie, stets griffbereit, unter ihren Röcken verborgen.
Lange, quälend lange musste die wackere Elsbeth auf ihre große Stunde, auf den Triumph ihres Willens warten. Dann, im Dämmerlicht eines sterbenden Tages, zwinkerte ihr ein guter Stern aufmunternd zu. Sie saß gerade auf einer Bank in der Nähe der Süd-Pagode (einem berühmten Wahrzeichen des Parks), um ihre rheumatischen Knochen, ihre gichtigen Gelenke, ihre unter der Last ihres Gewichtes ächzenden Hüften ein wenig Erholung zu gönnen, da sah sie ein überaus verdächtiges Subjekt auf sich zukommen. Bevor sie auch nur einen weiteren Blick auf die zwielichtige Gestalt verschwendete, exponierte sie ihre Handtasche instinktiv gut sichtbar neben sich auf der Bank und schnitt die hilfloseste, wehrloseste Miene, die sich je einem Gewalttäter auf Diebstour präsentiert hat.
Der Verbrecher war ein Farbiger, einer jener dunklen Gesellen, die, so behauptete Elsbeth, in Rotten über den Stadtpark herfallen wie die Heuschrecken, mit ungeheurem Appetit auf Handtaschen. Mit schändlichem Geschick hatte er sich als Behinderter getarnt, der sich mühsam an Krücken seines Weges schleppte; ihm fehlte der linke Unterschenkel und der rechte Unterarm; die rechte Krücke hatte er am Armstumpf befestigt. Elsbeth durchschaute den infamen Plan sofort. Sie ließ sich auch nicht von der Tatsache täuschen, dass der Schwarze sich an ihr vorbei quälte, ohne ihre Tasche auch nur eines Blickes zu würdigen.
Als er Anstalten machte, unverrichteter Dinge hinter einer Baumgruppe zu verschwinden, dort, wo ein Weg zu einem Nebenausgang des Stadtparks abzweigte, schoss es Elsbeth wutentbrannt durch den Kopf: "So einfach kommt er mir nicht davon, der Neger, der Langfinger, der schwarze."
"Junger Mann!" rief sie ihm hinterher. "Helfen Sie mir, bitte, es pressiert."
Der Afrikaner witterte seine Chance. Er simulierte besonders herzzerreißend seine angebliche Behinderung und schleppte sich die zwanzig, dreißig Meter zurück zur Bank, auf der Elsbeth, vor gespannter Erwartung beinahe explodierend, aber vollkommen selbstbeherrscht seiner harrte. Im Grund bewunderte sie den Farbigen, weil es ihm so vortrefflich gelang, seine Heimtücke hinter dem Anschein selbstloser Hilfsbereitschaft zu verbergen.
Sie sei eine arme, schwache, alte Frau, die es zudem ganz schlimm an der Blase habe. Daher müsse sie, erklärte sie dem Farbigen umständlich, nun schnell einmal hinter die Büsche, ob er nicht derweil auf ihre Tasche acht geben könne, in der sich ihre gesamte Rente befinde. Der Schwarze erweckte den Eindruck, dass ihm dieses Ansinnen überaus peinlich sei, zeigte sich dann aber doch, Herzensgüte vortäuschend, bereit, dem Wächteramte gewissenhaft zu obliegen. Elsbeth konnte es kaum erwarten, hinter den Büschen zu abzutauchen, doch um den Schwarzen nicht misstrauisch zu stimmen, entfernte sie sich mit der ihrem Alter geziemenden Langsamkeit. Endlich hinter dichtem Gestrüpp verborgen, nestelte sie den Sender hervor und wollte gerade den Roten Knopf drücken, als vor ihren Augen aus dem Nichts ein Fuß auftauchte. Der Fuß war mit einem Stück Unterschenkel verbunden, der säuberlich vom Bein abgetrennt worden war. Es handelte sich aber keineswegs um ein Leichenteil, dass bei einem Unfall abgerissen und von der sinnlosen Kraft der Zerstörung in den Park geschleudert worden war, keineswegs.
Es war ein, soweit Elsbeth dies beurteilen konnte, dem Augenschein nach völlig intakter Fuß, der in graue Socken gehüllt war und in schwarzen, gewienerten Herren-Lackschuhen steckte. Kaum hatte die Rentnerin den Gegenstand identifiziert, hatte sich der abgeschnittene Unterschenkel zu einem vollständigen Bein verlängert, das in einem glänzend grauen Hosenbein steckte. Das Hosenbein erinnerte Elsbeth an eine der überaus unauffälligen Diensthosen der Kriminalpolizei; diesbezüglich kannte sich die Bayerin bestens aus; ihr Hobby brachte das mit sich.
Was auch immer noch zum Vorschein kommen sollte, Elsbeth war gewarnt. Rasch ließ sie die Fernsteuerung für die Bombe wieder unter ihren Röcken verschwinden, natürlich ohne den Roten Knopf zu betätigen. Und schon tauchte das Gegenstück des Fußes, dicht gefolgt von entsprechenden Unterschenkel auf; wenig später standen zwei Beine in grauen Diensthosen vor ihr, die schließlich durch einen Rumpf miteinander verbunden wurden, der dann, mit einer gewissen Verzögerung, die seiner Bedeutung entsprach, durch einen Kopf gekrönt wurde. Es war Streng; er schaute das Mütterlein, das durch spitze Schreie ihrer Rolle entsprach, verwirrt an; Elsbeth versuchte, mit ihren Greisinnenärmchen die Handtasche fest zu umklammern, doch dann erinnerte sie sich, dass diese ja der Schwarze bewachte.
Also kreischte sie: "Polizei! Polizei! Man hat mir meine Handtasche gestohlen. Ein Neger war's, ein afrikanischer!"
"Streng!" sagte der Kommissar, "Kommissar Streng. In welche Richtung ist der Täter gelaufen?"
Obwohl ihr die Anwesenheit des Gesetzeshüters überhaupt nicht ins Konzept passte, empfand Elsbeth die Situation überaus belustigend, und es fiel ihr schwer, dem Polizisten überzeugend das gramgebeugte Mütterlein vorzuspielen.
"Dort, dort!" fistelte sie und fuchtelte mit beiden Armen in alle Himmelsrichtungen. Streng war in seinem Element.
"So beruhigen Sie sich doch, es kann Ihnen ja nichts mehr geschehen! Ist der Kerl den Hauptweg entlang gelaufen oder ist er dort abgebogen?"
Er deutete auf den Trampelpfad in Richtung Stadtzentrum. Statt einer Antwort winselte Elsbeth wie ein junger Hund. Nichts wünschte sie sich weniger, als dass der Kriminalbeamte den Farbigen mit der Handtasche erwischen könnte, denn dann müsste sie ja aus Sicherheitsgründen beide in die Luft sprengen.
Der Schwarze, der bisher geduldig auf die Rückkehr des Mütterleins gewartet hatte, schaute nunmehr nervös auf seine Uhr. Da ihm, dem Haitianer, die Künste des Voodoos nicht unvertraut waren, spürte er jenes verräterische Ziehen in der Magengegend, das ihm unmissverständlich riet, unverzüglich Fersengeld zu geben. Natürlich ließ er die Tasche zurück, denn er war ein durch und durch ehrlicher Mensch, und sprintete davon. Sein gesundes Bein und den Beinstumpf mit Prothese knickte er nach hinten ein. Er galoppierte nun mit schwindelerregender Sicherheit nur auf seinen Krücken. Der Kommissar sah einen Farbigen fliehen und verfolgte ihn mit der dumpfen Ausdauer, die den geborenen Pflichtmenschen auszeichnet.
Elsbeth nützte die Gelegenheit, sich ihrerseits aus dem Staub zu machen. Zuvor nahm sie die Bombe aus der Tasche und ließ sie in ihrem Ausschnitt verschwinden. Die Tasche warf sie ins Gebüsch, in der Gewissheit, dass die Polizei sie ihr in ein paar Tagen schon zurückerstatten werde. Sie freute sich schon darauf, die Beamten dann in ein Gespräch über die heutige Jugend im allgemeinen und "drogensüchtige Neger" im besonderen verwickeln zu können. Nicht zu unrecht, wie sich herausstellte, hoffte sie, dass die Nürnberger Zeitungen über diese ruchlose Tat und vor allem über den Verlust ihrer Rente berichten würden, verbunden mit einer Spendenaktion, die sicher die Herzen mitleidiger Seelen rühren und ihr ein erkleckliches Sümmchen einbringen würde. Sie hätte sich jetzt natürlich lieber an einem Bombenkrater erfreut, aber eine vom Leben gebeutelte Frau muss sich eben mit dem zufrieden geben, was sich ihr auf ihre alten Tage noch bietet.
Für neugierige Leser bleibt nachzutragen, wie Elsbeth Wadelbeiß in den Besitz einer Bombe mit Fernzündung gekommen war. Im Grunde ganz einfach: Schließlich gibt es noch liebende Enkelkinder, die ihren Großmüttern gern einmal einen Wunsch erfüllen. Und falls der Enkelsohn gerade seinen Wehrdienst ableistet, dann... Auch wenn man es der alten Dame gar nicht zutrauen mag: Die Einzelteile, die der Enkelsohn aus dem Waffendepot herausschmuggelte, wurden von ihr eigenhändig und ohne fremde Hilfe zusammengebastelt. Im Krieg erst Rüstungsarbeiterin, dann Blitzmädel, später Trümmerfrau, jetzt Feuerwerkerin...
"Elsbeth, trau' dich was!" Nach dieser Devise hatte sie schon manche Bombe hochgehen lassen.
Streng hatte die Fünfzig bereits weit hinter sich gelassen, er rauchte und soff, als sei er unsterblich, aber trotzdem war er immer noch einer der besten Marathon-Läufer im Viertel; obwohl es also dem Farbigen mit einem fulminanten Sprint zunächst gelang, den Abstand zwischen sich und dem Kommissar zu vergrößern, fand er doch keine passable Gelegenheit, sich vor den Blicken Strengs zu verbergen, und so verjüngte der Kriminalbeamte, von der Leidenschaft des Langstreckenlaufs beflügelt, zunehmend die Distanz zwischen sich und dem Flüchtenden, der bald den heißen Atem des Gesetzes in seinem Nacken spürte.
Streng war dem Farbigen beinahe zum Greifen nahegekommen, aber eben nur beinahe. Und so sah er sich gezwungen, seine letzten Reserven zu mobilisieren, sie gleichsam auf eine Karte zu setzen. Er entwickelte eine innere Dynamik, die Streng "Die Stimme zum Willen" getauft hatte; die Stimme war nicht die treibende Kraft, aber sie schwamm zustimmend in ihrem Strom.
Wie die meisten Marathon-Läufer war Streng ein Liebhaber der Kunst des wortlosen Denkens und Sprechens und ein Meister in ihr. "Die Stimme zum Willen" war also nicht durch antreibende Phrasen wie "Du schaffst es!" oder "Nicht aufgeben!" verunreinigt, sie vermochte daher die ganze Fülle des Willens zu durchdringen. Wer in diesem Geiste Marathon läuft, bereist die unwirtliche und unwirkliche Welt des reinen Willens. Streng liebte diese glitzernden Eislandschaften. Dann hatte er ihn.
Unter dem Zugriff des Kommissars verlor der Mann aus Haiti das Gleichgewicht und stürzte. Instinktiv und blitzschnell erkannte Streng, dass dieser Mensch völlig harmlos war. Erstaunlich war allerdings, dass er trotz seiner schweren Behinderungen so schnell laufen konnte. Der Farbige hielt die Arme schützend vor seinen Kopf und wimmerte. Diese Zeichen der Schwäche ließen Streng, der am Ende seiner physischen Kräfte und entsprechend reizbar war, vor Zorn rasend werden, aber er war psychisch stark genug, um seinem Zorn nicht durch entsprechendes Handeln Erleichterung zu verschaffen. "Streng, Kriminalpolizei!" stieß Streng, nach Luft schnappend, hervor. "Wenn Sie sich friedlich verhalten, haben Sie nichts zu befürchten. Stehen Sie unbesorgt auf... oder sind Sie verletzt?"
Der Schwarze rappelte sich auf und schaute scheu um sich. Als er dem konsternierten Blick des raubtierhaft hechelnden Kommissars begegnete, zitterte er wie unter Stromstößen. Nun endlich begriff Streng, dass er hier nicht nur dienstlich, sondern vor allem menschlich gefragt war.
Er berührte den Farbigen sanft an der Schulter: "So beruhigen Sie sich doch, es liegt nichts gegen Sie vor!"
Sofort hörte der Neger zu zittern auf, betrachtete Streng jedoch mit Augen, die das gesamte Misstrauen der schwarzen gegenüber der weißen Rasse auszudrücken schienen. Streng fühlte sich schuldig, ohne sich einer Schuld bewusst zu sein, hatte er doch nur seiner Pflicht entsprochen, aber eben nur seiner Pflicht. Hätte ihm nicht eine innere Stimme befohlen, sich zu fassen, so wäre er am Sinn seines Berufes verzweifelt. So aber begann er, sich mit Ressentiments nicht gegenüber den Schwarzen schlechthin, aber gegenüber diesem Mann aus Haiti gegen aufkeimende Selbstzweifel zu wehren. Dieser Kerl stellte sich einfach zu sehr an.
Hier galt es nun, seinen Aufgaben als Polizist gerecht zu werden - nach Möglichkeit höflich und bürgernah, wenn es sein musste, auch rau, aber herzlich...
Und nun verlor dieser verdammte Neger zu allem Übel sein Bewusstsein. Dem Haitianer sackten Bein und Beinstumpf weg; Streng schaffte es gerade noch, ihn aufzufangen. Der Kommissar setzte den Farbigen vorsichtig auf dem Boden und versetzte ihm ein paar leichte Backenstreiche. Der Mann erwachte aus seiner Bewusstlosigkeit, nannte seinen Namen - Enrique Martinez -, behauptete, genau zu wissen, dass Streng unter dem Einfluss einer Hexe stünde, dann versank er in geistesabwesendes Schweigen.
Es gelang Streng nicht mehr, Enrique Martinez zum Reden zu bringen, obwohl er die gesamte Palette erprobter Verhörmethoden abspulte. Der Mohr saß im Gras, schaute treuherzig ins Nichts und seufzte hin und wieder wie ein altes Mütterlein beim Anblick des Grabes ihres Ehegatten.
Streng war all der Menschen, die unter seinen Augen von der Norm abwichen, dermaßen überdrüssig, dass er vor Ekel, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, vielleicht aber auch aus uneingestandener Solidarität, selbst für eine nicht messbare Zeitspanne lahm, taub und blind wurde. Als er endlich wieder zu sich kam, sah er, dass ihn zwei stämmige Gäule hämisch und höhnisch fixierten. Auf den Pferden saßen Polizisten in den ulkigen Uniformen der Nürnberger Parkpolizei. Die Ordnungshüter des Stadtparks trugen weiße, wallende Engelsgewänder und Heiligenscheine aus Messing - eine Tribut an amerikanische und japanische Touristen; Kommentare der Einheimischen waren bei Strafe verboten.
Streng gab sich als Kriminalbeamter zu erkennen und delektierte sich an der kindischen Illusion, die Pferde stünden nun innerlich vor ihm stramm. Er bat die Polizisten, ihn mit dem Präsidium sprechen zu lassen. Mit klobigen, eckigen Bewegungen, die sicher auch die Furcht des biederen Beamten reflektierten, wegen des albernen Gewandes für schwul gehalten zu werden, klaubte der ältere der beiden Parkpolizisten sein Funksprechgerät hervor; er stellte die Verbindung mit der Zentrale her, schilderte den Sachverhalt, soweit er ihn überblickte, und überreichte das Walkie-Talkie dann dem Kommissar.
Nachdem sich Streng identifiziert und mitgeteilt hatte, dass der vorliegende Fall höchster Geheimhaltung unterliege - er nannte das entsprechende Codewort -, wurde es am anderen Ende der Funkverbindung für rund dreißig Sekunden totenstill... dann erinnerte sich der Beamte in der Zentrale an die entsprechenden Dienstanweisungen. Er bestätigte dem Kommissar förmlich, dass dieser nun uneingeschränkte Weisungsbefugnis besitze; anschließend ordnete Streng an, dass sofort ein unauffälliger, ziviler Personenwagen den Haitianer und ihn abzuholen habe, die Begleitung eines Arztes sei unbedingt erforderlich.
Es sei äußerste Eile geboten, da er, Streng, um das Leben eines unbekannten Farbigen fürchte, der nicht nur überaus merkwürdige Krankheitssymptome aufweise, sondern vermutlich auch, da er offensichtlich zuviel wisse, mit einem Mordanschlag rechnen müsse. Im übrigen seien die Parkpolizisten umgehend abzuziehen, da sie höchstwahrscheinlich die Aufmerksamkeit von Passanten auf ihn und seinen Schutzbefohlenen lenken würden, und dies dürfe er im Augenblick aus Sicherheitsgründen nicht riskieren. Er könne eine Schießerei oder einen Angriff mit Handgranaten nicht ausschließen.
Noch diesen präzisen Befehlen verabschiedete sich Streng dienstlich kühl und gab dem älteren Parkpolizisten das Funksprechgerät zurück, der daraufhin die Anweisung erhielt abzurücken. Die beiden Beamten befolgten diese Anweisung mit mühsam verborgenem Bedauern, da der Vorgang natürlich ihre Neugier geweckt hatte.
Kaum war das Pferdegetrappel verklungen, erwachte Enrique aus seiner Trance. Es sei fürchterlich heiß, klagte der Haitianer, er habe grausamen Durst, er könne kaum schlucken und seine Zunge sei geschwollen. Streng fror, als herrsche klirrender Frost. Es war ein bewölkter Septembertag; die objektive Temperatur entsprach der Jahreszeit. Während dem Farbigen der Schweiß in Strömen über die Stirn lief, zitterte der Kommissar wie ein nackter Mann im Kühlhaus.
Zum Glück erschien das bestellte Fahrzeug, als habe es in ummittelbarer Nähe auf seinen Einsatz gewartet; ein Beamter in Zivil, der auf dem Beifahrersitz gesessen hatte, brachte Streng einen warmen Pelz und dem Haitianer ein eisgekühltes Bier. Nachdem sich der Kommissar in den Pelz gehüllt und Enrique das Getränk mit hastigen Zügen getrunken hatte, klagten beide über ein überaus unangenehmes Brennen, das den gesamten Rücken erfasst hatte und sich von dort über die Gliedmaßen auszubreiten begann.
Der Beamte winkte den Fahrer des Wagens herbei, der sofort ausstieg und sich als Arzt zu erkennen gab. Nachdem Streng und Martinez dem Mediziner ihre Symptome geschildert hatten, wollte dieser sie sofort ins Krankenhaus fahren, da die Krankheitszeichen, so vermutete er, zum Erscheinungsbild diverser, gefährlicher Tropenkrankheiten gehörten, von denen einige höchstgradig ansteckend seien und, wenn nicht zum Tode, so doch zu Siechtum und geistiger Umnachtung führen könnten.
Streng widersetzte sich dem ärztlichen Rat mit dem Argument, er kenne die wahren Ursachen der Symptome, über die er allerdings nicht sprechen dürfe, diese seien aber auf keinen Fall mit den Mitteln der westlichen Medizin und vor allem auch nicht in einem Krankenhaus zu behandeln. Er übernehme die volle Verantwortung dafür, sofort mit dem Haitianer in seine, Strengs Wohnung zu fahren und dort auf einen Spezialisten zu warten, der sich in derartigen Fällen auskenne. Warum Streng so redete und handelte, wusste er selber nicht – es war, als stünde er unter einem Zwang oder als sei er die Marionette eines fremden Willens.
Als der Arzt widersprach und sich auf sein medizinisches Fachwissen berief, zog Streng seine Dienstwaffe: "Meine Herren, Sie werden meine Anordnungen ohne Widerspruch befolgen. Die nationale Sicherheit ist bedroht! Sie können die Situation nicht beurteilen. Fahren wir! Sofort!"
Der Arzt und der Zivilbeamte fügten sich murrend. Streng erweckte den Eindruck, genau zu wissen, was er tat und notfalls auch zu tun, was seine stumme Drohung mit der Waffe implizierte.
Natürlich hatte Streng gelogen, als er einen Spezialisten ankündigte, denn einen Fachmann für derartige Fälle oder die Behandlung ihrer Folgen kannte er nicht. Aber er wusste, dass in diese Angelegenheit auf keinen Fall uneingeweihte Menschen involviert werden durften, die sich von Berufs wegen für kompetent hielten.
"Wenn wir Glück haben", flüsterte Enrique dem Kommissar zu, "dann ist der Vortänzer schon auf dem Weg zu Ihnen!"
Obwohl Streng vollkommen schleierhaft war, worin dieses Glück bestehen solle, zumal er den Vortänzer nicht kannte, sich unter diesem Begriff auch nichts vorstellen konnte, begrüßte er dennoch wider alle Vernunft Enriques Bemerkung als Silberstreif am Horizont. Er versagte dem Haitianer einen Kommentar hierzu mit einem Blick, der jeden Kommentar überflüssig erscheinen ließ.
Obwohl - oder gerade weil - Streng der Begriff "Vortänzer" nichts sagte, präziser formuliert, obwohl Streng mit diesem Begriff zwar einige mehr oder weniger abstruse Vorstellungen verbinden konnte, bei denen sich allerdings kein Zusammenhang zur gegenwärtigen Situation herstellen ließ... obwohl also "Vortänzer" offenbar keine wesentliche Information barg, ging dem Kommissar dieses vertrackte Wort immer wieder im Kopf herum.
Als Streng die Tür zu seiner Wohnung zu öffnen versuchte, stellte er fest, dass ein relativ schwerer Gegenstand innen vor der Tür lag, der sich nur sehr schwer zu Seite schieben ließ. Nach einigen erfolglosen Versuchen Strengs gelang es dem Kommissar und dem Kripo-Beamten schließlich mit vereinten Kräften, die Tür soweit zu öffnen, dass der Drahtigste, also der vom Suff ausgezehrte Streng durch den Spalt hindurchschlüpfen konnte.
Nachdem sich Streng ächzend und fluchend in seine Wohnung gezwängt hatte - beinahe bis zum Kontrollverlust gereizt durch die albernen Anfeuerungsrufe seiner Begleiter (nur der Farbige schwieg) -, sah er, was die Tür versperrt hatte. Es handelte sich, wie zu erwarten war, selbstredend um eine Leiche, die aus einer Schusswunde an der Schläfe blutete. Aber es war nicht irgend ein toter Körper - es war die Leiche Strengs. Der Tote glich dem Kommissar aufs Haar, als sei er sein eineiiger Zwilling. Streng aber war sich sicher, ein Einzelkind zu sein.
Der Kriminalbeamte fasste seine Leiche unter den Armen und zog sie in den Flur, damit die anderen eintreten konnten. Sie war erstaunlich leicht, als bestünde sie ausschließlich aus feinstofflicher Materie, obwohl sie sich wie ein ordinärer menschlicher Kadaver anfühlte. Streng verrichtete diese Arbeit mechanisch, ohne erkennbare Gefühlsbewegung, offenbar stand er unter Schock. Kaum war die Tür frei, stürmten der Kripo-Mann, der Polizeiarzt und der Haitianer herein. Der Blick des Farbigen geisterte von Strengs Leiche zum lebenden Streng und wieder zurück, dann erbleichte er, als könne er wie ein Chamäleon die Farbe wechseln. Streng erfasste intuitiv, warum den Farbigen das nackte Entsetzen entfärbte. Strengs Leiche war mehr als ein böses Omen, sie war ein Außenposten der Hölle.
"Sind dies denn die Symptome des Delirium tremens?" fragte sich Streng, zwischen Zerknirschung und Hoffnung schwankend. "Bin ich nun endlich dem Säuferwahnsinn verfallen, wie mir von sämtlichen Ex-Schwiegermüttern immer wieder prophezeit worden ist?" Bedachte man das Ausmaß des Alkoholkonsums, mit dem sich Streng vor Verzweiflung und dem inneren Drang zur blutrünstigen Raserei schützte, so war diese Hypothese sicher nicht leichthin von der Hand zu weisen - und jede Form des Wahnsinns wäre dem Kommissar lieber gewesen, als wenn sich dies alles als Realität herausgestellt hätte... dann aber blieb die bange Frage: "Wo waren die weißen Mäuse?"
Diese außerhalb dieses Sinnzusammenhanges lächerliche Frage zuckte wie Elektrizität ins Zentrum seiner Existenz. Ein Sturzbach des Lebensdurstes schnitt einen tiefen Graben zwischen sich und seiner Leiche. Der Arzt öffnete seinen Koffer und zog mit finsterer Miene eine Spritze auf. Er setzte sie sich selbst intramuskulär, mit einem unterdrückten Seufzer der Erleichterung. Der Polizist blickte ihn halb missbilligend, halb neidisch an. Streng fragte den Arzt, ob auch er etwas Schnellwirkendes zur Beruhigung erhalten könne. Der Arzt injizierte eine Substanz, die rosarote Schwaden durch Strengs Bewusstsein ziehen ließ.
Verwandlung zu nennen, was nun mit Strengs Leiche geschah, hieße, einen Zauberer vorauszusetzen, dazu bestand nach Faktenlage kein Anlass. Sprechen wir also lieber neutral von Veränderung. Es ging blitzschnell, keine Spezialeffekte á la Hollywood. Aus Strengs Leiche wurde ein etwa sechszigjähriger, korpulenter Mann mit einer Knollennase. Erst lag er noch da wie tot, doch dann schlug er die Augen auf, erhob sich, ging ein paar Schritte auf und ab - der Polizeibeamte übergab sich, Streng schüttelte grundloses Lachen - und bat um ein Glas Wasser. Der Kommissar schüttete dem Mann ein Glas Whiskey ein, das dieser gierig herunterspülte. Er nannte seinen Namen: Hausner.
Animiert von Hausners Beispiel, schien nun auch den anderen ein Alkoholrausch der beste Ausweg aus der augenblicklichen Verwirrung in die trunkene Konfusion; Streng verteilte den Rest der noch fast vollen Flasche auf Wassergläser und prostete seinen Leidensgenossen kampfesmutig zu. Das braune, billige Gesöff stieg dem Kommissar und dem Arzt, die sich ja zuvor ein starkes Beruhigungsmittel injiziert hatten, besonders schnell zu Kopfe.
Als der Polizist und der Neger bemerkten, dass die beiden anderen sie auf dem Weg zur Besinnungslosigkeit weit hinter sich ließen, verlangten sie ebenfalls nach einer Spritze und erhielten sie. Dann klaubte der Kommissar eine volle Flasche Fusel aus einem seiner Verstecke; daraufhin ließ sich die Gruppe in den abgewetzten Polstersesseln des Streng’schen Wohnzimmers nieder und jede Haltung fahren.
Der Chronist überlässt es der Phantasie des Lesers, sich den weiteren Verlauf des Besäufnisses in prallen Farben auszumalen. Es bleibt nachzutragen, dass sich die Verbalinjurien und Körperverletzungen durchaus in jenem halbzivilisierten Rahmen hielten, der bei derartigen Gelegenheiten üblich ist. Jedenfalls waren keine Blutopfer zu beklagen und die wechselseitigen Beleidigungen wurden von der Amnesie des folgenden Tages verschluckt.
Kommissar Streng im Hesperidengarten
In einer Zeit, als noch der düstere Widerschein Schwarzer Künste manch Nürnberger Haus illuminierte, ließ der steinreiche Kaufmann und Logenbruder Ignaz Kunz im Stadtteil Sankt Johannis einen Hesperidengarten anlegen. In diesem Stadtteil sind noch drei der einst zahlreichen Hesperidengärten erhalten. Zwei davon können von April bis Oktober besichtigt werden, der dritte aber, von dem hier die Rede sein soll, ist nur den Eingeweihten zugänglich. Nur wenige Nürnberger wissen, dass er überhaupt existiert. Er befindet sich, wie die beiden anderen, ebenfalls in der Johannisstraße; aber er ist hinter einem unauffälligen, grauen Haus ohne Hausnummer verborgen. Dieses Haus ist daher sogar den Taxifahrern und Briefträgern nicht bekannt.
Der Name "Hesperiden" erinnert an einen Göttergarten aus der griechischen Mythologie. Die Hesperiden waren drei Nymphen, die in diesem Garten, zusammen mit einem Drachen, einen Baum mit goldenen Äpfeln bewachten. Seit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges versuchten wohlhabende Nürnberger Bürger, nördlich der Alpen in ihren Hesperidengärten ebenfalls "goldene Äpfel", nämlich Zitronen und Orangen wachsen und gedeihen zu lassen. Zu diesen Bürgern zählte auch der vornehme Kaufmann und heimliche Schwarzmagier Ignaz Kunz.
Über die Gestaltung des Kunz’schen Hesperidengartens müssen wir zum Verständnis des folgenden Geschehens nur wissen, dass die Anlage symmetrisch um eine Hauptachse angeordnet ist und dass sich an den Kreuzungen der drei Seitenwege mit dem Weg, der die Hauptachse bildet, jeweils links und rechts zwei mannshohe Götterstatuen auf kniehohen Sockeln befinden. Die übrigen durchaus reizvollen Gestaltungselemente interessieren uns hier nicht weiter – und sie haben auch den Bauherrn und Hexenmeister Ignanz Krunz nicht interessiert, weil der magische Effekt des Gartens allein auf der soeben beschriebenen Anordnung beruht. Der Rest des Gartens ist der Hintergrund, in dem vage Schemen unbemerkt Bedeutung gewinnen, bis sie sich dann schließlich als magische Figur im Vordergrund manifestieren.
Streng schritt wie ein Schlafwandler den Hauptweg des Hebridengartens entlang. Er war durch Zufall dorthin geraten. Doch davon wusste er jetzt nichts mehr. Der Kommissar hatte die Frau eines entsprungenen Sträflings gesucht, die angeblich in der Johannisstraße 24 wohnte. Er fragte einen älteren Herrn, der sich aus einem Fenster im Parterre des Hauses Nummer 17 lehnte, wo sich die Nummer 27 befinde, die er nicht finden konnte. Der Alte hob die Brauen über den blutunterlaufenen Augen und wies quer über die Straße auf das graue, unauffällige Haus, das der Kommissar jetzt zum erstenmal bewusst wahrnahm.
Die Namensschilder an der Tür des Hauses ohne Nummer waren von Hand geschrieben und unleserlich. Der Karton, auf dem die Namen standen, war vergilbt, die Schrift verblasst und die Zeichen stammten offenbar aus einer fremdartigen, altertümlichen Schrift. Streng drückte wahllos den obersten Klingelknopf. Niemand öffnete. Nun klingelte der Kriminalbeamte unten. Nichts rührte sich. Daraufhin entschied er sich für einen Knopf in der Mitte. Das Haus stöhnte auf. In der Tat: Streng hatte das Gefühl, das Haus, nicht irgendwer im Haus, sondern das Haus selbst stöhne auf, als sei es ein lebendes Wesen, als habe er es versehentlich an einer sehr schmerzhaften Stelle berührt. Dann knarrte die Tür und öffnete sich einen Spalt.
Streng griff nach seiner Waffe, ließ sie aber stecken. Bei besonnener Betrachtung waren keine Anzeichen einer Gefahr zu erkennen. Der Kommissar stieß mit der Fußspitze gegen die Tür. Sie schwang knarzend auf. Spinnweben zerrissen. Links neben der Tür im Treppenhaus hing ein verwittertes Schild mit einem Pfeil und der Aufschrift: „Zum Garten“. Streng trat ein. Ein modriger und ein wenig süßlicher Geruch raubte ihm den Atem. Der Kommissar folgte hastig keuchend und hustend dem Pfeil zur Hintertür, riss diese auf und gelangte so in den Hesperidengarten. Die frische Luft rettete ihn aus seiner Atemnot und versetzte ihn zugleich in einen Trancezustand. Nun schritt ein fast besinnungslos den Hauptweg entlang. Ein Hund heulte wölfisch hinter Büschen.
Hinter der linken Statue an der Kreuzung des mittleren Seitenwegs mit dem Hauptweg kam ein nackter, schlanker Unterarm mit einer zarten Frauenhand hervor und winkte den Kommissar mit dem Zeigefinger herbei. Streng folgte dem Wink, doch als er die Statue beinahe erreicht hatte, verschwanden Arm und Hand. Der Kriminalbeamte blieb wie angewurzelt stehen. Hinter der Statue rechts gegenüber hörte er nun ein Kratzen und Scharren. Schließlich verstummten die Geräusche, und die Stimme eines kleinen Mädchens rief: „Hierher, herher!“ Der Ursprung der Stimme befand sich offenbar dort, wo zuvor das Kratzen und Scharren zu hören war. Der Kommissar folgte dem Ruf und trat hinter die rechte Statue an der Kreuzung des mittleren Seitenwegs mit dem Hauptweg im Hesperidengarten. Dort aber befanden sich keine Wesen, die Geräusche erzeugen konnten, aber – wie seltsam! – Streng fühlte sich mal wie ein Hund, mal wie ein kleines Mädchen. Er verharrte bewegungslos in seiner Deckung. Schüsse peitschten.
Hinter der linken Statue schob sich nun ein Schuh hervor. Es war ein schwarzer Dienstschuh der Nürnberger Kriminalpolizei. In der gleichen Sekunde streckte auch Streng einen Schuh aus der Deckung. Es war ebenfalls ein schwarzer Dienstschuh der Nürnberger Kriminalpolizei. Der Schuh seines Gegenübers war an der linken Seite mit Lehm verschmiert. Auch Strengs Schuh war mit Lehm verunreinigt, und die schmutzige Stelle hatte die gleiche Form, Größe und Farbe. Streng hob den Fuß und gab den Blick auf den unteren Teil des Hosenbeins der grauen Diensthose frei. Im selben Augenblick schob auch sein Gegenüber den Unterschenkel hinter der linken Statue hervor. Dieser Unterschenkel wurde von einer grauen Diensthose verhüllt. An dieser Diensthose fanden helle Fusseln – und zwar an derselben Stelle wie an Strengs Hose. Nun ließen sich zwei Raben im Hesperidengarten nieder. Der eine setzte sich auf den Kopf der linken Statue an der Kreuzung des östlichen Seitenwegs. Der andere nahm auf der rechten Statue an der Kreuzung des westlichen Seitenwegs Platz. Der östliche Rabe hatte dunkelrote, der westliche gelb-braune Krallen. Sonst glichen die Raben einander, als seien sie aus demselben Ei geschlüpft.
Eine etwa vierzigjährige blonde Frau in schwarzer Unterwäsche wankte stöhnend durch die Hintertür des Hauses ohne Nummer, schleppte sich zum Mittelpunkt des Hebridengartens und brach blutüberströmt zwischen den beiden Statuen zusammen. Die Raben auf den Statuen wurden unruhig. Sie witterten frisches Fleisch. Aber die Frau lebte offenbar noch. Sie bäumte sich vor Schmerzen auf und wimmerte. Die Not der Frau weckte Streng aus seiner Trance auf, da sie bis in die tiefsten Schichten seines Unterbewusstseins vordrang und so den magischen Bann zerbrach. Der Kommissar stürzte auf die Verletzte zu und beugte sich über sie. Er vermutete, es könne sich um die Frau des entflohenen Sträflings handeln, da dieser als unberechenbar und gewalttätig galt und Ehezwistigkeiten in den einschlägigen Akten erwähnt wurden. Die Krähen trommelten nervös mit den Krallen auf die steinernen Köpfe der Statuen.
„Bleiben Sie ganz ruhig, ich rufe Hilfe!“ sagte der Kommissar mit beruhigender Stimme und griff zu seinem Mobiltelefon.
Doch die Frau umklammerte ihn mit ihren Armen und presste ihn fest an ihren Körper. Streng hatte das Gefühl, er sei in einen Schraubstock eingeklemmt.
Kommissar Streng versuchte, sich aus der Umklammerung durch die verletzte Frau zu lösen, was ihm nach zähem Ringen auch gelang. Dabei bemühte er sich, sie so schonend wie möglich zu behandeln, konnte aber nicht verhindern, dass sich der Blutfluss aus mehreren Schusswunden verstärkte. Kaum befreit, benachrichtigte er mit dem Mobiltelefon seine Kollegen im Präsidium, die alles weitere veranlassten. Streng befürchtete, dass der entsprungene Sträfling sich noch in der Nähe befand. Er entsicherte seine Waffe und suchte an den Hausfassaden und im Hebridengarten nach verdächtigen Anzeichen. Aber nichts regte sich. Nur der Wind strich sanft durch die Bäume. Die Raben krächzten verärgert.
Streng war klar, dass es mindestens zehn Minuten dauern würde, bis die Ambulanz kam, mit den Polizeikollegen war erst in frühestens einer halben Stunde zu rechnen. Plötzlich plätscherte es silberhell in einem Brunnen im westlichen Teil des Parks. Eine Nymphe saß auf dem Brunnenrand und spielte versonnen mit zarter Hand im Wasser. Dann schaute sie zu Streng hinüber und lächelte verschlingend. Dies war zuviel für den entlaufenden Sträfling, der mit einem Gewehr hinter einem Fenster im dritten Stock des Hauses ohne Nummer gelauert hatte. Er ballerte wie wild in den Hesperidengarten, traf zum Glück aber nur die Statue des Göttervaters Zeus, dem er den Nase zertrümmerte. Streng schoss zurück. Der Sträfling duckte sich in Deckung. Ein Vogel zwitscherte ungewöhnlich laut. Streng entdeckte ihn auf der Schulter einer zweiten Nymphe, die im kurzen, roten Minirock mit lasziv übereinandergeschlagenen Beinen auf einer Bank neben dem Hauptweg des Hesperidengarten saß und eine Zigarette mit einer Zigarettenspitze rauchte. Die dritte Hesperide stand neben der Statue der Hera, deren Hüfte sie lässig mit dem linken Arm umschlang. Die Raben suchten enttäuscht das Weite.
Der den Nymphen im Wächteramte beigesellte Drache hatte sich bisher im Hintergrund des Hesperidengartens gehalten, kroch nun aber mürrisch aus dem Vagen hervor und nahm die Gestalt eines schmucken, jungen Postboten an. Ob hier im Hause eine Frau Nymphenburger wohne, rief er zur Hintertür des Hauses ohne Nummer hinaus.
Die verletzte Frau hob matt den Arm: „Ja!“ rief sie mit schwacher Stimme. „Frau Nymphenburger, das bin ich!“
Der Postbote bat Streng, ihr ein Einschreiben auszuhändigen, da er kein Blut sehen könne. Der Kommissar zeigte Verständnis, holte den Brief, ließ das Tatopfer unterschreiben und gab dem Zusteller die Empfangsbestätigung. Dieser verschwand dankend im Inneren des Hauses ohne Nummer. Inzwischen hatte die Verletzte den Brief geöffnet. Sie bat den Kommissar, ihr das Schreiben vorzulesen, da die Schrift vor ihren Augen verschwimme.
„Sehr geehrte Frau Nymphenburger, liebe Lola“, begann Streng, „es ist sicher ungewöhnlich, ein Liebesgeständnis per Einschreiben zu versenden, aber wie sonst könnte sich ein Wesen wie ich sicher sein, dass Sie meine Botschaft überhaupt erhalten haben. Seit Jahren beobachtete ich Sie... Nein, ich erkühne mich zu einem Du! Seit Jahren beobachte ich Dich beim Spinnen hinter dem Fenster im dritten Stock des Hauses ohne Nummer. Und es verging kein Tag, an dem meine Liebe zu Dir nicht gewachsen wäre. Lass Deinen Mann sausen. Er trinkt. Er schlägt dich. Er ist ein notorischer Knastbruder. Ich aber habe die Flügel eines Engels, die Krallen eines Jaguars und die lange, rote Zunge einer Schlange. Wenn Du mir ein Zeichen gibst, so bin ich auf ewig Dein. Bitte erhöre mich. Dein Siris, Drache im Hebridengarten des Ignaz Kunz zu Nürnberg.“
Streng wischte sich verstohlen ein paar Tränen aus den Augenwinkeln. Die Verletzte hatte die Augen geschlossen und atmete gleichmässig. Sie schien zu schlafen. Der Kommissar hörte die Sirene der Ambulanz.
Der Name "Hesperiden" erinnert an einen Göttergarten aus der griechischen Mythologie. Die Hesperiden waren drei Nymphen, die in diesem Garten, zusammen mit einem Drachen, einen Baum mit goldenen Äpfeln bewachten. Seit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges versuchten wohlhabende Nürnberger Bürger, nördlich der Alpen in ihren Hesperidengärten ebenfalls "goldene Äpfel", nämlich Zitronen und Orangen wachsen und gedeihen zu lassen. Zu diesen Bürgern zählte auch der vornehme Kaufmann und heimliche Schwarzmagier Ignaz Kunz.
Über die Gestaltung des Kunz’schen Hesperidengartens müssen wir zum Verständnis des folgenden Geschehens nur wissen, dass die Anlage symmetrisch um eine Hauptachse angeordnet ist und dass sich an den Kreuzungen der drei Seitenwege mit dem Weg, der die Hauptachse bildet, jeweils links und rechts zwei mannshohe Götterstatuen auf kniehohen Sockeln befinden. Die übrigen durchaus reizvollen Gestaltungselemente interessieren uns hier nicht weiter – und sie haben auch den Bauherrn und Hexenmeister Ignanz Krunz nicht interessiert, weil der magische Effekt des Gartens allein auf der soeben beschriebenen Anordnung beruht. Der Rest des Gartens ist der Hintergrund, in dem vage Schemen unbemerkt Bedeutung gewinnen, bis sie sich dann schließlich als magische Figur im Vordergrund manifestieren.
Streng schritt wie ein Schlafwandler den Hauptweg des Hebridengartens entlang. Er war durch Zufall dorthin geraten. Doch davon wusste er jetzt nichts mehr. Der Kommissar hatte die Frau eines entsprungenen Sträflings gesucht, die angeblich in der Johannisstraße 24 wohnte. Er fragte einen älteren Herrn, der sich aus einem Fenster im Parterre des Hauses Nummer 17 lehnte, wo sich die Nummer 27 befinde, die er nicht finden konnte. Der Alte hob die Brauen über den blutunterlaufenen Augen und wies quer über die Straße auf das graue, unauffällige Haus, das der Kommissar jetzt zum erstenmal bewusst wahrnahm.
Die Namensschilder an der Tür des Hauses ohne Nummer waren von Hand geschrieben und unleserlich. Der Karton, auf dem die Namen standen, war vergilbt, die Schrift verblasst und die Zeichen stammten offenbar aus einer fremdartigen, altertümlichen Schrift. Streng drückte wahllos den obersten Klingelknopf. Niemand öffnete. Nun klingelte der Kriminalbeamte unten. Nichts rührte sich. Daraufhin entschied er sich für einen Knopf in der Mitte. Das Haus stöhnte auf. In der Tat: Streng hatte das Gefühl, das Haus, nicht irgendwer im Haus, sondern das Haus selbst stöhne auf, als sei es ein lebendes Wesen, als habe er es versehentlich an einer sehr schmerzhaften Stelle berührt. Dann knarrte die Tür und öffnete sich einen Spalt.
Streng griff nach seiner Waffe, ließ sie aber stecken. Bei besonnener Betrachtung waren keine Anzeichen einer Gefahr zu erkennen. Der Kommissar stieß mit der Fußspitze gegen die Tür. Sie schwang knarzend auf. Spinnweben zerrissen. Links neben der Tür im Treppenhaus hing ein verwittertes Schild mit einem Pfeil und der Aufschrift: „Zum Garten“. Streng trat ein. Ein modriger und ein wenig süßlicher Geruch raubte ihm den Atem. Der Kommissar folgte hastig keuchend und hustend dem Pfeil zur Hintertür, riss diese auf und gelangte so in den Hesperidengarten. Die frische Luft rettete ihn aus seiner Atemnot und versetzte ihn zugleich in einen Trancezustand. Nun schritt ein fast besinnungslos den Hauptweg entlang. Ein Hund heulte wölfisch hinter Büschen.
Hinter der linken Statue an der Kreuzung des mittleren Seitenwegs mit dem Hauptweg kam ein nackter, schlanker Unterarm mit einer zarten Frauenhand hervor und winkte den Kommissar mit dem Zeigefinger herbei. Streng folgte dem Wink, doch als er die Statue beinahe erreicht hatte, verschwanden Arm und Hand. Der Kriminalbeamte blieb wie angewurzelt stehen. Hinter der Statue rechts gegenüber hörte er nun ein Kratzen und Scharren. Schließlich verstummten die Geräusche, und die Stimme eines kleinen Mädchens rief: „Hierher, herher!“ Der Ursprung der Stimme befand sich offenbar dort, wo zuvor das Kratzen und Scharren zu hören war. Der Kommissar folgte dem Ruf und trat hinter die rechte Statue an der Kreuzung des mittleren Seitenwegs mit dem Hauptweg im Hesperidengarten. Dort aber befanden sich keine Wesen, die Geräusche erzeugen konnten, aber – wie seltsam! – Streng fühlte sich mal wie ein Hund, mal wie ein kleines Mädchen. Er verharrte bewegungslos in seiner Deckung. Schüsse peitschten.
Hinter der linken Statue schob sich nun ein Schuh hervor. Es war ein schwarzer Dienstschuh der Nürnberger Kriminalpolizei. In der gleichen Sekunde streckte auch Streng einen Schuh aus der Deckung. Es war ebenfalls ein schwarzer Dienstschuh der Nürnberger Kriminalpolizei. Der Schuh seines Gegenübers war an der linken Seite mit Lehm verschmiert. Auch Strengs Schuh war mit Lehm verunreinigt, und die schmutzige Stelle hatte die gleiche Form, Größe und Farbe. Streng hob den Fuß und gab den Blick auf den unteren Teil des Hosenbeins der grauen Diensthose frei. Im selben Augenblick schob auch sein Gegenüber den Unterschenkel hinter der linken Statue hervor. Dieser Unterschenkel wurde von einer grauen Diensthose verhüllt. An dieser Diensthose fanden helle Fusseln – und zwar an derselben Stelle wie an Strengs Hose. Nun ließen sich zwei Raben im Hesperidengarten nieder. Der eine setzte sich auf den Kopf der linken Statue an der Kreuzung des östlichen Seitenwegs. Der andere nahm auf der rechten Statue an der Kreuzung des westlichen Seitenwegs Platz. Der östliche Rabe hatte dunkelrote, der westliche gelb-braune Krallen. Sonst glichen die Raben einander, als seien sie aus demselben Ei geschlüpft.
Eine etwa vierzigjährige blonde Frau in schwarzer Unterwäsche wankte stöhnend durch die Hintertür des Hauses ohne Nummer, schleppte sich zum Mittelpunkt des Hebridengartens und brach blutüberströmt zwischen den beiden Statuen zusammen. Die Raben auf den Statuen wurden unruhig. Sie witterten frisches Fleisch. Aber die Frau lebte offenbar noch. Sie bäumte sich vor Schmerzen auf und wimmerte. Die Not der Frau weckte Streng aus seiner Trance auf, da sie bis in die tiefsten Schichten seines Unterbewusstseins vordrang und so den magischen Bann zerbrach. Der Kommissar stürzte auf die Verletzte zu und beugte sich über sie. Er vermutete, es könne sich um die Frau des entflohenen Sträflings handeln, da dieser als unberechenbar und gewalttätig galt und Ehezwistigkeiten in den einschlägigen Akten erwähnt wurden. Die Krähen trommelten nervös mit den Krallen auf die steinernen Köpfe der Statuen.
„Bleiben Sie ganz ruhig, ich rufe Hilfe!“ sagte der Kommissar mit beruhigender Stimme und griff zu seinem Mobiltelefon.
Doch die Frau umklammerte ihn mit ihren Armen und presste ihn fest an ihren Körper. Streng hatte das Gefühl, er sei in einen Schraubstock eingeklemmt.
Kommissar Streng versuchte, sich aus der Umklammerung durch die verletzte Frau zu lösen, was ihm nach zähem Ringen auch gelang. Dabei bemühte er sich, sie so schonend wie möglich zu behandeln, konnte aber nicht verhindern, dass sich der Blutfluss aus mehreren Schusswunden verstärkte. Kaum befreit, benachrichtigte er mit dem Mobiltelefon seine Kollegen im Präsidium, die alles weitere veranlassten. Streng befürchtete, dass der entsprungene Sträfling sich noch in der Nähe befand. Er entsicherte seine Waffe und suchte an den Hausfassaden und im Hebridengarten nach verdächtigen Anzeichen. Aber nichts regte sich. Nur der Wind strich sanft durch die Bäume. Die Raben krächzten verärgert.
Streng war klar, dass es mindestens zehn Minuten dauern würde, bis die Ambulanz kam, mit den Polizeikollegen war erst in frühestens einer halben Stunde zu rechnen. Plötzlich plätscherte es silberhell in einem Brunnen im westlichen Teil des Parks. Eine Nymphe saß auf dem Brunnenrand und spielte versonnen mit zarter Hand im Wasser. Dann schaute sie zu Streng hinüber und lächelte verschlingend. Dies war zuviel für den entlaufenden Sträfling, der mit einem Gewehr hinter einem Fenster im dritten Stock des Hauses ohne Nummer gelauert hatte. Er ballerte wie wild in den Hesperidengarten, traf zum Glück aber nur die Statue des Göttervaters Zeus, dem er den Nase zertrümmerte. Streng schoss zurück. Der Sträfling duckte sich in Deckung. Ein Vogel zwitscherte ungewöhnlich laut. Streng entdeckte ihn auf der Schulter einer zweiten Nymphe, die im kurzen, roten Minirock mit lasziv übereinandergeschlagenen Beinen auf einer Bank neben dem Hauptweg des Hesperidengarten saß und eine Zigarette mit einer Zigarettenspitze rauchte. Die dritte Hesperide stand neben der Statue der Hera, deren Hüfte sie lässig mit dem linken Arm umschlang. Die Raben suchten enttäuscht das Weite.
Der den Nymphen im Wächteramte beigesellte Drache hatte sich bisher im Hintergrund des Hesperidengartens gehalten, kroch nun aber mürrisch aus dem Vagen hervor und nahm die Gestalt eines schmucken, jungen Postboten an. Ob hier im Hause eine Frau Nymphenburger wohne, rief er zur Hintertür des Hauses ohne Nummer hinaus.
Die verletzte Frau hob matt den Arm: „Ja!“ rief sie mit schwacher Stimme. „Frau Nymphenburger, das bin ich!“
Der Postbote bat Streng, ihr ein Einschreiben auszuhändigen, da er kein Blut sehen könne. Der Kommissar zeigte Verständnis, holte den Brief, ließ das Tatopfer unterschreiben und gab dem Zusteller die Empfangsbestätigung. Dieser verschwand dankend im Inneren des Hauses ohne Nummer. Inzwischen hatte die Verletzte den Brief geöffnet. Sie bat den Kommissar, ihr das Schreiben vorzulesen, da die Schrift vor ihren Augen verschwimme.
„Sehr geehrte Frau Nymphenburger, liebe Lola“, begann Streng, „es ist sicher ungewöhnlich, ein Liebesgeständnis per Einschreiben zu versenden, aber wie sonst könnte sich ein Wesen wie ich sicher sein, dass Sie meine Botschaft überhaupt erhalten haben. Seit Jahren beobachtete ich Sie... Nein, ich erkühne mich zu einem Du! Seit Jahren beobachte ich Dich beim Spinnen hinter dem Fenster im dritten Stock des Hauses ohne Nummer. Und es verging kein Tag, an dem meine Liebe zu Dir nicht gewachsen wäre. Lass Deinen Mann sausen. Er trinkt. Er schlägt dich. Er ist ein notorischer Knastbruder. Ich aber habe die Flügel eines Engels, die Krallen eines Jaguars und die lange, rote Zunge einer Schlange. Wenn Du mir ein Zeichen gibst, so bin ich auf ewig Dein. Bitte erhöre mich. Dein Siris, Drache im Hebridengarten des Ignaz Kunz zu Nürnberg.“
Streng wischte sich verstohlen ein paar Tränen aus den Augenwinkeln. Die Verletzte hatte die Augen geschlossen und atmete gleichmässig. Sie schien zu schlafen. Der Kommissar hörte die Sirene der Ambulanz.
Kommissar Streng und die Präparate
Beim Polizeipsychiater
Kommissar Robert Streng war ein Kriminalbeamter vom alten Schlag. Er glaubte an kriminalistischen Instinkt, an einen Riecher für Verbrecher und Verbrechen, an Vorzeichen und übernatürliche Spuren an Tatwerkzeugen. Aber er glaubte nicht an die Methoden der modernen Wissenschaft, derer sich die Polizeipsychologen und Polizeipsychiater befleißigten. Und so konsultierte er den Polizeipsychiater Dr. Dagobert Dunkel widerstrebend nur, weil er sich keine Versäumnisse unterstellen lassen wollte. Denn er hatte seine eigenen Hypothesen über die psychologischen Hintergründe des Falles entwickelt, den er im Augenblick zu bearbeiten hatte und der ihm, trotz hoffnungsvoller Fortschritte, immer noch an den Nerven zerrende Rätsel aufgab. Von den lebensfremden Damen und Herren Psychiatern und Psychologen, von den Psycho-Fuzzis, wie er sie bei sich nannte, erhoffte er nicht die geringste Hilfe. Die Psycho-Fuzzis mochten nützlich sein, wenn es galt, kleine Ganoven einzuschüchtern oder farblose Berichte durch schillernde Sprechblasen aus dem Reich der Psychokriminalistik aufzumotzen – aber in einem Fall wie diesem, der ganz offensichtlich neben handfest realen auch einige okkulte Züge aufwies, galt es, die Psycho-Fuzzis keinen Einfluss auf die Ermittlungen gewinnen zu lassen.
Die Sekretärin des Polizeipsychiaters bat Streng, sich noch einen Augenblick zu gedulden, da ihr Chef soeben mit dem Polizeipräsidenten telefoniere und dabei auf keinen Fall gestört werden dürfe. Streng möge doch bitte einen Augenblick im Wartezimmer Platz nehmen. Streng zog wahllos eine Zeitung aus dem Stapel auf dem niedrigen Tisch im Wartezimmer und blätterte sie durch. Sein Blick blieb bei der Schlagzeile „Sex, Videos und Druidensteine“ hängen. Der Autor dieses Beitrags im Feuilleton war Rudi Perlman. Streng las:
„Bei Wohlmannsgesäß in der Fränkischen Schweiz findet sich im Walde ein wirrer Haufen mannshoher Steine. Niemand weiss sicher, ob sie ihre Existenz dem Spiel der Natur verdanken oder ob sie von Menschenhand geschaffen wurden. Die Wissenschaft hält beides für möglich, aber die Einheimischen nennen sie seit altersher die Druidensteine. Schliesslich war die Frankische Schweiz einst keltisches Siedlungsgebiet. Einmal im Jahr tanzen jungverheiratete Paare aus der Gegend, bizarren Mustern folgend, um die Steine herum. Sie wollen damit, so heißt es, die Wiederkehr des heidnischen Geistes der Druiden verhindern und die Muttergottes ehren. Heuer zumindest scheint ihnen dies nicht gelungen zu sein, denn am letzten Wochenende fand auf einer Wiese bei den Druidensteinen das erste fränkische Festival esoterischer Literatur statt. Wohl einige hundert meist phantasievoll gekleideter, meist junger, meist weiblicher Fans des Außer- und Übersinnlichen hatten sich eingefunden, schamanische Trommler und indischen Flötenspieler umrahmten die Veranstaltung mit exotischen Klängen und an den Ständen wurden esoterische Bücher, Videos oder Tofu-Burger angeboten...“
„Herr Dr. Dunkel kann sie jetzt empfangen!“ sagte die Sekretärin.
Das Arbeitszimmer des Polizeipsychiaters war karg und trist wie eine Gefängniszelle vor der Strafvollzugsreform. Allein das Klo fehlte.
„Der Insasse muss wohl nie“, dachte Streng beim Eintreten und konnte nur mit Mühe ein Grinsen unterdrücken.
Als einziger Raumschmuck hing über dem Schreibtisch des Arztes ein verfremdetes Portrait Albert Einsteins. Der Grafiker hatte mit seiner Zeichenfeder einen Teil des Skalps und des Schädelknochens ausgespart und so den Blick auf einen Teil des stilisiert dargestellten Gehirns freigegeben. Einzelne Windungen waren mit ihren medizinischen Namen beschriftet. Der Physiker streckte, wie üblich, seine Zunge heraus.
Streng hatte das Gefühl, hier einer armen Seele gegenüberzutreten, die sich selbst in das Gefängnis ihrer starren und weltfremden Ideen gesperrt hatte. Der Doktor erhob sich mit finsterem Gesicht und schlurfte auf Streng zu, als litte er unter heftigen rheumatischen Beschwerden.
„Ich weiß“, krächzte der offenbar erkältete Arzt, „dass ich ziemlich genau ihren Vorurteilen entspreche. Sagen Sie nichts! Ihre Einstellung ist im Hause bekannt. Es macht mir nichts aus. Daran bin ich gewöhnt. Manchmal lache ich ja selbst über Psychiaterwitze. Es gibt nur leider viel zu wenig gute neue. Doch nun zur Sache. Ihre Unterlagen habe ich gelesen. Um es kurz zu machen. Ihre Hypothese halte ich für unbegründet. Eine Fremdeinwirkung ist meines Erachtens ausgeschlossen. Es handelt sich vielmehr um Fälle perniziöser Katatonie. Dies ist zwar heute eine äußerst seltene Krankheit geworden und bei ihren Fällen handelt es sich sogar um eine noch seltene Variante der ohnehin kaum noch auftretenden Erkrankung. Und ich räume auch ein, dass diese plötzliche, gehäufte Auftreten dieser Krankheit bei mutmasslichen Straftätern auch mich stutzig macht. Dennoch lassen die medizinischen Unterlagen keinen anderen Schluss zu. In diesen Fällen diagnostiziere ich eindeutig perniziöse Katatonie.“
„Haben Sie die Erkrankten untersucht?“
„Selbstverständlich nicht“, antwortete der Arzt. „Dazu fehlt mir die Zeit. Sie ahnen ja gar nicht, wie viel Arbeit sich auf meinem Schreibtisch häuft.“
Streng schaute unwillkürlich zum Schreibtisch des Psychiaters und stellte fest, dass sich darauf außer einem Aschenbecher mit ein paar Kippen nichts befand.
„Doch selbst wenn ich die Zeit hätte, würde ich sie nicht für überflüssige Untersuchungen verschwenden. Ich kann mich auf die Berichte meiner Kollegen natürlich verlassen.“
„Perniziöse Katatonie!? Können Sie das einem blutigen Laien wie mir erklären?“
„Die perniziöse Katatonie erinnert micht ein wenig an einen Totstellreflex. Das Kaninchen erstarrt angesichts der züngelnden Schlange. Doch im Fall der perniziösen Katatonie gibt es keine Bedrohung. Das ist der Unterschied.“
„Sie sprechen in Rätseln.“
Der Doktor lächelte. „Beispiele hinken natürlich immer. Vielleicht verstehen Sie mich besser, wenn ich die Symptomatik lehrbuchmässig beschreibe.“
„Ich bitte darum“, antwortete der Kommissar mit einem Unterton, der unwirsch geklungen hätte, wenn er dazu nicht eine fragende Miene aufgesetzt hätte.
„Gut! Am besten beginne ich mit der Übersetzung des Begriffs 'perniziös'. Diesen Begriff übersetze ich höchst ungern. Durch eine Übersetzung verliert er doch viel von seinem psychiatrischen Charme. Mit 'perniziös' ist eigentlich nur 'lebensgefährlich' gemeint. Aber wie klingt das: 'Lebensgefährliche Katatonie'?“
Streng konnte sich des Verdachts nicht erwehren, dass ihn der Psychiater verulken wollte. Doch der Arzt sah ehrlich betrübt aus wie ein Schriftsteller, der mit einer Formulierung nicht zufrieden ist. Also schaute ihn der Kommissar ratlos und zum Weitersprechen auffordernd an.
„Ihre Fälle, Herr Kommissar, gleichen im übrigen nicht den heute auftretenden Formen der lebensbedrohlichen Katatonie, sondern den in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts beschriebenen Krankheitsbildern. Damals waren die Betroffenen meist relativ jung, die Krankheit brach aus heiterem Himmel aus, die Erkrankten befanden sich in einem Zustand heftigster Erregung, blieben aber völlig stumm, litten häufig unter hohem Fieber, ihr Herz raste, Füße und Hände verfärbten sich blau und die Kranken schwankten zwischen wildesten Bewegungsstürmen und völliger Erstarrung.“
„Interessant. In meinen Fällen gab es aber keine Bewegungsstürme und keine Blaufärbungen. Diese Menschen, die ich nach wie vor für Opfer von Verbrechen halte, waren nur von Kopf bis Fuß gelähmt, mit Ausnahme der Augen, die unendlich flehentlich ausschauen und alles zu erfassen versuchen, was sich angesichts eines vollständig bewegungslosen Körpers überhaupt erfassen lässt.“
„Woher wissen Sie, dass diese Patienten diesen gewaltigen Ehrgeiz entwickeln, trotz ihrer katastrophalen Einschränkung möglichst viel wahrzunehmen“, fragte der Psychiater mit starrer Miene. „Können Sie etwa Gedanken lesen?“
„Nein, natürlich nicht!“ antwortete der Kommissar verwirrt. „Aber ich könnte schwören...“
„Sie könnten schwören... Dies höre ich oft von Laien, die mit Fällen perniziöser Katatonie konfrontiert werden. Wer weiß: Vielleicht sind die Kranken in diesem Zustand ja in der Lage, ihre Gedanken auf außersinnlichem Wege in die Gehirne anderer Menschen zu senden.“
Streng war sprachlos.
„Sie haben natürlich recht, dass ihre Fälle deutlich von dem abweichen, was bisher in der Literatur unter dem Begriff 'perniziöse Katatonie' beschrieben wurde. Doch das sollte uns nicht beunruhigen. Sobald es meine Zeit erlaubt, werde ich einen Zeitschriftenartikel über ihre Fälle veröffentlichen und so den Krankheitsbegriff im Licht neuer Erkenntnisse erweitern.“
Streng fühlte sich höchst unbehaglich. Dagobert Dunkel war entweder zynisch oder vollkommen verblödet. Auf jeden Fall war er keine Hilfe. Es galt nur noch zu verhindern, dass er – arglos oder absichtlich – Schaden anrichtete und die Ermittlungen behinderte.
„In meinen Fällen waren ausschließlich Tatzeugen, Tatopfer oder Tatverdächtige von dieser merkwürdigen Erstarrung betroffen, die sich als perniziöse Katatonie einstufen. Halten sie es wirklich für ausgeschlossen, dass dieser Zustand durch Fremdeinwirkung hervorgerufen werden kann – zum Beispiel durch Drogen?“
„Nun ja“, antwortete der Dagobert Dunkel zögernd, „ein ähnliches Krankheitsbild kann freilich durch Drogen hervorgerufen werden. Manche Menschen vertragen die zur Behandlung der Schizophrenie gebräuchlichen Medikamente nicht. Diese Menschen entwickeln dann eine Symptomatik, die sich von bestimmten Formen der perniziösen Katatonie kaum unterscheiden lässt.“
„Na also!“ rief Streng aufgeregt.
„Gemach!“ antwortete der Psychiater. „Man kann nicht vorhersehen, welche Patienten diese Medikamente nicht vertragen und welche nicht. Diese Form der Unverträglichkeit ist zudem sehr selten. Für den kriminellen Zweck, Menschen absichtlich erstarren zu lassen, wären diese Medikamente also denkbar ungeeignet.“
„Gibt es keine anderen Drogen, die zuverlässig wirken?“
„Da bin ich überfragt. Vielleicht wissen die Drogenexperten des Geheimdienstes mehr darüber.“
Nun wurde Streng klar, dass er sich geirrt hatte. Der Doktor hatte ihm durchaus geholfen. Der Kommissar wusste nun, an wen er sich zu wenden hatte. Der Rest des Gesprächs mit Dunkel war belanglos.
Als alter, erfahrener Kriminalbeamter hatte Kommissar Streng selbstverständlich auch die besten Beziehungen zu Geheimdienstkreisen. Seine Bemühungen, in diesen Kreisen einen Experten für Drogen aufzutreiben, gestalteten sich jedoch schwieriger als erwartet. Streng solle sich doch an das Bundeskriminalamt wenden. Dort sei man für Drogen zuständig. Strengs Einwand, er interessiere sich aber nicht für Straßendrogen, sondern für Drogen bzw. Kampfstoffe, mit denen man Menschen in Erstarrung versetze könne, löste helle Empörung aus. „Wofür halten Sie uns“, knurrte ein befragter Agent. „Wir sind ein demokratischer Geheimdienst. Der Einsatz dieser Drogen ist uns streng verboten, und außerdem gibt es diese Drogen überhaupt nicht!“
Streng allerdings hatte Blut geleckt und ließ sich nicht so leicht entmutigen. Der Kommissar entschloss sich, seine beste Quelle anzuzapfen. Er rief Irma an, die mit allen Wassern gewaschene Wirtin des renommiertesten Verbrecherlokals in der Stadt, des „Röhrenden Hirschen“. Irma und Streng behandelten einander in ureigenem Interesse mit ausgesuchter Höflichkeit. Ob Irma einem heißen Tipp geben könne, wer sich mit Drogen auskenne, die Menschen in Erstarrung versetzen. Streng hatte den Eindruck, dass Irma für einen kurzen Augenblick aus der Fassung geriet. Dies kam bei ihr höchst selten vor. Den Kommissar beschlich das unheimliche Gefühl, dass er in ein Wespennest gestochen hatte. Doch Irma versuchte, ihn zu beruhigen, indem sie in scherzhaftem Tonfall fortfuhr: „Ach Kommissärchen, nun verblüffst du mich. Führst Du was im Schilde? Willst Du mir allen Ernstes einreden, dass Du nicht weißt, wo hier in der Stadt die Spezialisten sitzen!“
Nun verstand Streng Irmas Irritation. Sie hielt ihn für schlauer, als er war. Es galt nun, sie in ihrem Glauben zu belassen. Aber wie?
„Du merkst auch alles!“ sagte er, in der Hoffnung, dass sie ihn nun einen Hinweis geben würde, wen sie meinte.
„Willst Du wissen, was ich von den analytischen Fähigkeiten der Chemiker halte?“
Nun dämmerte es Streng, auf wen sie anspielte, nämlich ein ominöses Institut für chemische Analysen, ICA. Dies war eine höchst undurchsichtige Einrichtung, die in einer Jugendstilvilla in der Nürnberger Altstadt residierte. Die Villa umrankten nicht nur üppig wuchernder Efeu und wilder Wein, sondern auch die wüstesten Gerüchte.
Streng ging aufs Ganze. „Lohnt es sich, mit Rigo zu sprechen?“
Irma biss an: „Interessant, interessant. Rigo ist also wieder einmal zu weit gegangen. Und jetzt hat man den guten, alten Streng auf ihn angesetzt.“
Streng wusste nun genug. Der Rest des Gesprächs war belanglos.
Das Institut für chemische Analysen war also offenbar das Drogenlabor der örtlichen Geheimdienstniederlassung, die Günther Rigo unterstand. Ohne Rigos Einwilligung würde niemand aus dem ICA mit ihn sprechen. Das war Streng natürlich klar. Nur wusste er noch nicht, wie er Rigo auf seine Seite ziehen konnte. Der Geheimdienstchef war eine eiskalter, skrupelloser Hund, der keine Unterstützung ohne angemessene Gegenleistung gewährte.
Streng hatte sich schon darauf eingestellt, das kommende Wochende mit Grübeleien über Möglichkeiten der Kontaktaufnahme mit Rigo zu verbringen. Doch die ersehnte Idee entzündete sich von selbst wie ein Waldbrand im Hochsommer. Rigo hatte nämlich eine große Schwäche, das Pferderennen. Und Streng kannte den Chef der Nürnberger Pferderennbahn, der ihm verpflichtet war. Und dieser wieder hatte einen guten Freund, der sein Geld mit der Manipulation von Pferderennen verdiente. Rigo und Streng kannten sich flüchtig. Der Kommissar nutzte die Bekanntschaft aus, um den Geheimdienstbeamten auf der Rennbahn in ein Gespräch zu verwickeln. Streng suggerierte Rigo, er sei ein ausgezeichneter Pferdekenner. Während eines Rennens nannte er Rigo die Namen der drei Pferde, die erster, zweiter und dritter Sieger werden würden. Als sich herausstellte, dass Strengs Prophezeiung zutraf, zeigte sich Rigo zwar beeindruckt, war aber dennoch davon überzeugt, dass Streng nur Glück gehabt habe. Doch als Rigo dem Kommissar beim nächsten Rennen wieder begegnete, fragte er ihn nach einem Tipp. Streng fand sich nur zu gern dazu bereit, und Rigo konnte ein ordentliches Sümmchen einstreichen. Fortan suchte Rigo auf der Rennbahn die Nähe des Kommissars.
Auch in unserer heutigen, verdorbenen Zeit kann selbst der geschickteste Betrüger Pferderennen nicht nach Belieben manipulieren, wenn er nicht erwischt werden will. Und so konnte der Kommissar den Geheimdienstmann nicht bei jedem Treffen mit heißen Tipps versorgen. Streng erfand Ausflüchte, denen Rigo natürlich keinen Glauben schenkte. Vielmehr war er davon überzeugt, dass er Strengs Rat nun kaufen müsse. Und so bot er ihm einen Gewinnanteil. Streng bedankte sich artig für das großzügige Angebot, betonte aber, dass ihn am Pferderennsport nicht das Materielle reize, sondern das es ihm allein darum ginge, die Gesetze der Dynamik zu ergründen.
„Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?“ fragte Rigo.
„Keineswegs“, antwortete der Kommissar. „Sie haben sich doch selbst davon überzeugen können, wie erfolgreich ich die Gesetze der Dynamik des Pferdesport bisher schon erforscht habe. Wie oft konnte ich ihnen dank meiner Erkenntnisse die zukünftigen Sieger nennen! Ist dies nicht Bestätigung und Lohn genug?“
„Mag sein. Aber ich möchte doch sehr gern auch weiterhin von Ihren Erkenntnissen profitieren!“
„Vielleicht darf ich Ihnen einen Handel vorschlagen. Es geht mir, wie gesagt, nicht ums Geld. Zwar kenne ich die Gesetze der Dynamik ohne Zweifel besser als Sie. Dafür verstehen Sie aber mehr von den Gesetzen der Erstarrung. Und so wäre ich mich hocherfreut, wenn sie mich, als Gegenleistung für meinen Rat, über die Gesetze der Erstarrung belehren würden.“
Der Geheimdienstmann hatte nicht die geringste Ahnung, was der Kommissar im Schilde führte. Warum ihn Streng für einen Kenner der Gesetze der Erstarrung hielt, war ihm schleierhaft. Er hielt es aber nicht für ratsam, dies dem Kommissar zu verraten. Eventuell konnte er Streng ja mit falschen Versprechungen ködern.
Um Streng nun glauben zu machen, er geize mit seinem Wissen, sagte Rigo listig: „Eigentlich interessiere ich mich weniger für die Gesetze der Erstarrung als für jene der Flexibilität!“
„Das trifft sich gut. Dann sind sie bestimmt flexibel genug, einer etwas ungewöhnlichen Bitte zu entsprechen!“
Rigo hatte mit dieser Antwort nicht gerechnet, und ihm schwante nichts Gutes. Aber es blieb ihm nichts anderes übrig, als auf Strengs Handeln einzugehen, wenn er auch weiterhin das schnelle Geld beim Pferderennen gewinnen wollte.
Also sagte er: „Schießen Sie los. Was haben Sie auf dem Herzen?“
„Bitte erlauben Sie mir, den Experten für Erstarrungsdrogen Ihres Instituts für chemische Analysen einige Fragen zu stellen!“
Rigo wurde kreidebleich. Tausend Gedanken schossen ihm durch den Kopf und 999 davon verhießen Unheil. An den einen harmlosen Gedanken, der übrig blieb, klammerte er sich.
Und also fragte Rigo: „Haben Sie etwa Rheuma?“
Für einen Augenblick spielte Streng mit dem Gedanken, Irma könne ihn falsch informiert haben. Doch dann erkannte er die Unsicherheit in Rigos Gesicht und wusste, dass er auf der richtigen Fährte war. „Nein, sagte er. Ich habe einige schwierige Fälle zu lösen, und ich denke, dass Ihre Experten mir dabei helfen können. Habe ich erst einmal diese Fälle gelöst, habe ich mich erst einmal von der Last dieser Aufgabe befreit, dann habe ich auch wieder mehr Zeit und Muße, mich den Pferden und ihrer Dynamik zu widmen.“
Streng fragte sich, ob dieser Wink mit dem Zaunpfahl nicht zu plump war. Aber Rigo unterlag dem Gesetz der Flexibilität und stimmte zu.
Im Institut
Kommissar Streng ging zu Fuß zum vereinbarten Termin ins Institut für chemische Analysen (ICA), da es nur fünf bis zehn Gehminuten vom Polizeipräsidium entfernt war. Auf dem Weg dorthin wurde er von einem Wolkenbruch überrascht und bis auf die Haut durchnässt. Die Dame an der Rezeption – eine mütterliche, rundliche Frau um die sechzig – zog den Widerstrebenden in ein Hinterzimmer und begann, ihm die nasse Kleidung vom Leib zu reißen. Mit knapper Not gelang es dem Kommissar, seine Unterhose vor ihrem Zugriff zu retten.
Ob es in diesem Institut so üblich sei, Besucher bis auf die Haut auszuziehen, fragte der Kommissar.
„Eigentlich schon“, antwortete die Rezeptionistin, während sie Streng mit einem Handtuch abrubbelte. „Es ist Vorschrift, die Privatkleidung abzulegen und den institutseigenen Overall anzuziehen.“
Die Frau reichte dem Kommissar einen blutroten Arbeitsanzug mit der Aufschrift ICA auf dem Latz, sowie Sicherheitsschuhe und einen schwarzen Plastikhelm.
Da Streng unbedingt die Unterstützung des ICA benötigte, fügte er sich in sein Geschick, das angesichts der witterungsbedingten Umstände so widrig nun auch wieder nicht war, und streifte die immerhin trockene Institutskleidung über.
Die Rezeptionistin legte Streng ein Dokument zur Unterzeichnung vor. Dieses Dokument wies ihn darauf hin, dass er über sämtliche Beobachtungen im ICA und alle Informationen, die er dort erhalte, Stillschweigen zu wahren habe. Es handele sich um Staatsgeheimnisse. Es folgte die übliche Androhung von Strafen.
Streng unterschrieb, innerlich widerstrebend. Gehört man erst einmal zum Kreis der Hüter derartiger Geheimnisse, so befürchtete er, dann wird man früher oder später auch aus Gründen der nationalen Sicherheit zu moralisch verwerflichen Handlungen gezwungen. Er wusste zwar, dass der Staat die Überwindung zu diesen Handlungen fürstlich zu belohnen pflegte. Er wusste aber auch, dass sich ein sensibler Mensch dann niemals mehr in der Gemeinschaft der Unwissenden wohlfühlen kann.
Die Rezeptionistin begleitete Streng zu einem Aufzug und tippte eine Zahlenkombination in ein Tastenfeld neben der Tür. Sie müsse ihn nun allein lassen, da ihr das Betreten der inneren Bereiche des ICA nicht gestattet sei. Der Fahrstuhl werde automatisch in jenem Stockwerk halten, wo er bereits erwartet werde.
Die Tür öffnete sich, Streng trat ein, dann schloss sich die Tür wieder; der Fahrstuhl setzte sich in Bewegung und erreichte nach kurzer Beschleunigung eine offenbar sehr hohe Geschwindigkeit. Dies jedenfalls schloss Streng aus den Geräuschen und Vibrationen. Die Fahrt wollte kein Ende nehmen. Der Kommissar schaute auf seine Armbanduhr, musste aber feststellen, dass diese stehen geblieben war. Endlich hielt der Fahrstuhl, die Tür öffnete sich und Streng blickte in eine vielleicht 25 Meter breite und mehrere hundert Meter lange Röhre, an deren einem Ende sich die Tür des Fahrstuhls befand. Die Wände des Tunnels schimmerten wie milchiges Glas. Am Scheitel des Tunnelgewölbes zog sich eine Kette von Neonröhren entlang, die den Tunnel in ein kaltes, technisches Licht tauchte.
Als Streng den Fahrstuhl verließ, rollte aus einem Seitengang des Tunnels leise sirrend eine offene Elektrokarre mit vier Sitzen heran. Vorn links saß eine junge, blonde Frau in einem militärischen Overall und neben ihr ein rund fünfzig Jahre alter Mann, der an seinen Rangabzeichen als General zu erkennen war. Das Gefährt rollte auf Streng zu, als wolle die Frau ihn gegen die inzwischen wieder geschlossene Fahrstuhltür rammen. Doch etwa einen halben Meter vor ihm stoppte die Karre ohne Bremsweg. Der General grüßte und bat ihn, das Fahrmanöver nicht als Affront zu deuten, die Fahrzeuge seien so programmiert. Nun fiel Streng auf, dass die junge Frau keineswegs die Fahrerin war, obwohl sie dort saß, wo man bei Rechtsverkehr gemeinhin den Fahrersitz vermutet, nämlich vorn links. Aber weder vor dem linken, noch vor dem rechten Vordersitz befanden sich Vorrichtungen zur Steuerung des Gefährts oder Armaturen. Die Karre wurde offensichtlich ferngesteuert. Nun entdeckte Streng eine Kamera in der Mitte zwischen den beiden Frontscheinwerfern.
Der General bat den Kommissar, auf einem der Rücksitze Platz zu nehmen. Nachdem Streng sich hingesetzt hatte, stellte sich der General und seine Begleiterin vor. Sein Name sei General Earl Rokeach, die Soldatin sei Colonel Susan Coolidge. Wie Streng ja inzwischen bemerkt habe, sei das Gebäude der ICA nur die Tarnung für einen Eingang der unterirdischen Militärbasis, deren Kommandant er sei.
„Miss Coolidge ist meine Geliebte“, sagte er, als sei dies die Bezeichnung einer militärischen Funktion.
„Herr General“, sagte Susan Coolidge, „darf ich Sie daran erinnern, dass nicht jeder Ihre Art des Humors versteht?“
Die Elektrokarre setzte sich in Bewegung und bog nach etwa 300 Metern in eine schmale Seitenröhre ein. Nun begann eine rasende Fahrt durch ein verzweigtes Tunnelsystem. Streng hätte sich bestimmt überaus unbehaglich gefühlt, wenn er nicht während der gesamten Fahrt darüber nachgegrübelt hätte, welcher Teufel den General geritten haben mochte, Miss Coolidge als seine Geliebte vorzustellen. Nach etwa zehn Minuten stoppte das Fahrzeug vor einem gewaltigen Portal, das von nacktem Fels umgeben war. Das Portal war etwa dreißig Meter breit und 25 Meter hoch und wurde von zwei mächtigen Türen aus einem metallisch schimmernden, tiefblauen Material verschlossen.
Susan Coolidge stieg aus, heftete eine selbstklebenden gelben Zettel an die linke Tür, auf den sie „Wir sind zu Tisch! Rok, Coo“ geschrieben hatte, nahm wieder Platz, und das Fahrzeug fuhr weiter. Bald sauste die Elektrokarre in eine gläserne Röhre. Diese überspannte einen Krater, auf dessen Grund glühende Lava brodelte. Streng zeigte sich überrascht, dass im fränkischen Untergrund ein Vulkan aktiv sei.
„Dies ist ein von Menschen unabsichtlich erzeugter Vulkan“, erklärte der General. „Einer der atomaren Bohrköpfe, mit denen dieses unterirdische Tunnelsystem geschaffen wurde, hat sich verselbständigt und Kurs auf das Erdinnere genommen. Der atomare Kern dürfte in fünfzehn bis zwanzig Kilometer Tiefe explodiert sein. Seither klafft hier ein Höllenschlund.“
„Zu welchen Zweck wurde diese gigantische Anlage gebaut?“ fragte Streng.
„Nun, ursprünglich sollte sie einen mehrjährigen Untergrundkrieg gegen eine Besatzungsmacht ermöglichen“, antwortete der General. „Doch als die Notwendigkeit eines solchen Krieges immer unwahrscheinlicher wurde, musste sie, sofern man sie nicht aufgeben wollte, weiter ausgebaut werden, um als Machtbasis für eine zeitlich unbegrenzte Herrschaft aus dem Untergrund zu taugen.“
Die Karre surrte nun in einen Hangar, in dem Mechaniker auf hydraulischen Tribünen an Langstreckenraketen schraubten und bohrten. An den schwarzen Raketen waren keine Hoheitszeichen zu erkennen. Streng hatte den Eindruck, als hätten hier die aberwitzigsten Verschwörungstheorien wahnhafte Gestalt angenommen. Im Grunde fehlten nur noch ein paar UFOs und in Käfigen zur Schau gestellte Aliens. Streng kniff sich in den Arm, um sich davon zu überzeugen, dass er nicht träume oder zu Hause unter dem Einfluss einer halluzinogenen Droge, die man ihm ohne sein Wissen verabreicht hatte, in seinem Bett liege. Doch der Kniff war deutlich zu spüren, und auch der General und seine Geliebte’ wirkten keineswegs wie Traumfiguren.
„Ganz Deutschland ist untertunnelt“, sagte der General. „Sie können von Flensburg nach Berchtesgaden fahren, ohne auch nur einmal aus dem Erdinneren auftauchen zu müssen. Es ist wie eine Sucht. Hat man erst einmal mit dem Tunnelbau begonnen, mag man einfach nicht mehr aufhören. Diese unterirdische Welt ist natürlich auch eine Herausforderung für unsere Techniker. Sie sind mit Leidenschaft bei der Sache. Durch die modernen Atombohrköpfe lässt sich Abraum weitgehend vermeiden. Früher mussten wir das Erdreich ja ans Tageslicht befördern und dort unauffällig entsorgen. Dies erschwerte die Geheimhaltung natürlich ungemein und setzte dem Eifer unserer Tunnelbauer enge Grenze. Doch heute? Meine Güte!“
Ein Tor öffnete sich und gab den Weg in einen kleineren Hangar frei, in dem sich nur ein größerer Gegenstand fand: das unvermeidliche UFO.
Streng solle nicht an seinem Verstande zweifeln, beschwichtigte ihn Colonel Coolidge, es handele sich bei diesem UFO natürlich nur um eine Attrappe, die für Experimente und Projekte zur Bewusstseinskontrolle benötigt werde. Das UFO sah allerdings sehr echt aus. Es stand auf sechs spindeldürren Beinen mit Füßen, die wie die Krallen eines großen, metallischen Insekts aussahen. Die Beine wurzelten in einer kreisrunden Platte, an deren Rand sich, gleichmäßig verteilt, vier mannshohe, zigarrenförmige Erhebungen befanden. Das eiförmige Gebilde über dem Mittelpunkt der Platte barg offenbar den Führerstand, da es mit einem Kranz von Bullaugen ausgestattet war, durch die man allerdings von außen nicht hindurchsehen konnte. Wenn Streng sie auch nur ein paar Sekunden betrachtete, begannen seine Augen zu tränen und zu schmerzen.
Die Elektrokarre stoppte, wie üblich ohne vorherige Verlangsamung der Fahrt und ohne Bremsweg, etwa zehn Meter vor dem UFO. Eine Treppe wurde ausgefahren, Streng hatte den Eindruck, als wüchse diese Treppe aus der Platte des UFOs heraus wie ein Planzenblatt im Zeitraffer.
Der General lud den Kommissar ein, sich das UFO unbesorgt genauer anzuschauen. Als Streng oben ankam, öffnete sich eine der Zigarren’, umschlang ihn mit einer Zunge aus Licht, zog ihn in sich hinein und schloss sich wieder. Kaum hatte ihn das UFO verschluckt, verlor Kommissar Streng sein Bewusstsein. Als er wieder erwachte, saß er in der ersten Reihe eines Vorführraumes mit etwa sechzig Sitzplätzen und einer kleinen Bühne ohne Vorhang. Als Streng sich umschaute, entdeckte er in der letzten Reihe General Rokeach, Colonel Coolidge und den Geheimdienstoffizier Major Günther Rigo sowie eine im bisher unbekannte Frau mittleren Alters mit einem ungewöhnlich scharfkantigen Gesicht und einem metallisch schimmernden Teint.
„Hallo Kommissar“, rief Miss Coolidge heiter. „Lassen Sie sich von uns nicht bei Ihrem Nickerchen stören!“
„Aber wenn Sie ausgeschlafen sein sollten“, fügte General hinzu, „dann könnten wir jetzt eigentlich mit unserer Vorführung beginnen.“
Rigo wirkte unwirsch, als er einwarf: „Wir sind schließlich auf Ihren Wunsch hier, Herr Kommissar. Es wäre schön, wenn wir nun endlich anfangen könnten. Heute Abend habe ich noch einen dringenden Termin!“
„Auf der Rennbahn!“ kicherte Miss Coolidge.
Der General klatschte in die Hände. Zwei wie Krankenpfleger gekleidete junge Männer schoben eine fahrbare Pritsche auf die Bühne. Auf der Pritsche war, mit breiten Ledergurten an Händen und Füßen, ein ca. vierzigjähriger, unbekleideter, hagerer Mann festgeschnallt. Er trug einen Knebel aus Leder, der das Gesicht bis unter die Augen verdeckte, aber die Nasenlöcher freiließ. Dem Mann fehlte jede Körperbehaarung. Die Weißgekleideten verließen die Bühne, als eine uniformierte, rundliche Frau auftrat, sich auf die Pritsche setzte und dem gefesselten Mann eine Spritze in die Vene verabreichte. Der Mann bäumte sich kurz auf und entspannte sich wieder. Daraufhin injizierte sie ihm den Inhalt einer zweiten Spritze intramuskulär. An der Injektionsstelle entstand eine etwa faustgroße Beule, die aber nach wenigen Sekunden wieder verschwand, ohne Spuren zu hinterlassen. Die Uniformierte verließ die Bühne, und die Weißgekleideten kamen wieder herein. Sie nahmen dem Mann die Fesseln und den Knebel ab. Der Entfesselte blieb jedoch reglos liegen.
„Präparat 23, hab acht, 12 a 134!“ rief der General.
Der Mann erhob sich, stellte sich in militärischer Haltung neben die Pritsche, verharrte reglos und starrte ins Leere.
„Präparat 23, hab acht, 13 c Blut!“
Der Mann hatte augenblicklich eine Erektion. Colonel Coolidge stieß einen spitzen Schrei aus.
„Präparat 23, hab acht 12 c Wasser!“ Das Glied erschlaffte.
„Wir stehen noch ganz am Anfang unserer Forschung“, erklärte der General. „Aber wir machen Fortschritte. Früher versteifte sich bestenfalls der kleine Finger.“
„Aber Herr General“, warf Susan Coolidge ein. „Ich bitte Sie. Nicht jeder versteht ihre Art des Humors!“
Sie wandte sich an die Frau mit dem scharfkantigen Gesicht, die bisher unbewegt auf ihrem Platz gesessen hatte:
„Präparat 17, Grundstellung, 15 cd 13!“
Die Frau erhob sich und ging mit wippenden Hüften, zugleich aber roboterhaften Bewegungen auf die Bühne. Sie stellte sich neben den nackten Mann, der von ihr aber keine Notiz nahm, sie gar nicht zu bemerken schien.
„Präparat 17, Grundstellung, paria 12! Präparat 23, hab acht, 123 keino!“ rief der General, der sich offenbar von seinem Colonel das Kommando nicht aus der Hand nehmen lassen wollte.
Der Mann ging in die Knie und streckte seine Arme mit geballten Fäusten im rechten Winkel zur Schulter von sich. Die Frau entkleidete sich und legte sich auf den Boden. Sie wurde steif wie ein Brett. Die beiden Weißgekleideten eilten auf die Bühne, packten die Frau und legten sie horizontal auf die ausgestreckten Arme des Mannes. Dieser erhob sich mit der Frau und erstarrte dann ebenfalls.
„Präparat 23, hab acht, 13 c Blut!“ ordnete der General an. Wieder versteifte sich das Glied des Mannes. So verharrten die Beiden wohl zehn Minuten, ohne das der sprachlose Streng seinen Blick von ihnen wenden konnte.
„Können wir das Experiment jetzt beenden?“ bat Streng, nachdem er endlich seine Fassung wiedererlangt hatte. „Die Leute tun mir leid!“
„Das ist leider nicht so einfach“, antwortete Colonel Coolidge. „Wir haben bisher noch kein Gegengift gefunden.“
„Aber es war dem General doch immerhin möglich, die Gliedsteife durch ein Kommando aufzuheben!“
„Ja, stimmt. Aber das funktioniert nur in den ersten zehn bis maximal 15 Minuten nach dem Einsetzen der Drogenwirkung. Danach ist der Prozess bisher leider noch unumkehrbar.“
„Und was geschieht dann mit diesen Menschen?“ fragte der Kommissar.
„Das sind keine Menschen, sondern Präparate. Sie werden entsorgt!“ antwortete Colonel Coolidge. „Aber lassen Sie sich von diesen Dingen nicht irritieren. Wir möchten ihnen noch die Wirkung einer anderen Droge zeigen, die für Sie höchstwahrscheinlich noch interessanter ist.“
Während dieser Worte entfernten die Weißgekleideten die angeblichen Präparate von der Bühne.
Streng bestand aber darauf, zunächst über das Wesen der Präparate aufgeklärt zu werden. Er habe erhebliche ethische Bedenken, da die Präparate, sofern sie wirklich keine Menschen sein sollten, diesen doch zum Verwechseln ähnlich seien.
„Die Präparate“, beruhigte Susan Coolidge den Kommissar, „sind nicht in der Lage, Gefühle zu empfinden. Dies kann ich Ihnen uneingeschränkt garantieren. Weitere Informationen darf ich Ihnen aber leider nicht geben. Die Hintergründe sind überdies so geheim, dass ich sie selbst nicht kenne. Und auch niemand sonst hier ist eingeweiht.“
Der Gedanke, dass die Präparate keine fühlenden Wesen seien, beruhigten Streng, obwohl er sich keineswegs sicher sein konnte, dass die Coolidge glaubwürdig war. Aber er wollte ihr einfach glauben. Und so bekundete er sein Interesse an der Fortsetzung der Vorführung.
Die Weißgekleideten schafften ein Stativ auf die Bühne. Der etwa 1,50 Meter hohe Dreifuß trug einen Kasten mit Armaturen auf der Rückseite. Auf dem Kasten befand sich ein etwa ein Meter langes, fünf Zentimeter dickes, horizontal und begrenzt vertikal schwenkbares Rohr. Eine gewölbte, orangefarbene Glasscheibe mit rund zehn Zentimeter Durchmesser bildete in einer silbernen Fassung das Zentrum der Vorderseite des Kastens. Ein Weißgekleideter zog ein Kabel aus der Kulisse und steckte den Stecker am Ende des Kabels in eine Steckdose an der Unterseite der Box. Dann schaltete er das Gerät ein. Es brummte leise, leicht an- und abschwellend.
Aus einem Ende des schwenkbaren Rohrs ragte ein etwa fünf Zentimeter langer Dorn heraus, und an diesem Rohrende befand sich auch eine Art Kimme. Durch Dorn und Kimme wirkte das Gerät wie eine Waffe. Susan Coolidge trat nun auf die Bühne und richtete den Dorn, während sie über die Kimme peilte, auf den Kopf des Kommissars. Sie bediente einige Regler auf der Rückseite des Kastens, dann legte sie einen Hebel um.
Der Kommissar fühlte sich schlagartig von einer unbezwingbaren Gewalt erfasst, an die er die Kontrolle über seine Bewegungen verlor. Erst hob er seinen linken Arm, dann seinen rechten Arm, er schaute nach links, danach nach rechts, ohne dass er dies beabsichtigt hatte, und schließlich erstarrte er gegen seinen Willen. Doch nach etwa dreißig Sekunden schob die Coolidge den Starthebel wieder in die Nullstellung zurück.
„Seien Sie unbesorgt, die Strahlung ist unschädlich, wenn sie nicht länger als fünf bis zehn Minuten bestrahlt werden. Danach allerdings kann es zu irreversiblen Schäden des Bewegungsapparates kommen!“
Diese Worte des Generals beruhigten Streng keineswegs. Sie machten ihn vielmehr fürchterlich wütend. „Haben Sie den Verstand verloren!“ brüllte er. „Wer hat Ihnen erlaubt, mich als Ihr Versuchskaninchen zu missbrauchen?“
„Dieses unterirdische Reich, Herr Kommissar“, antwortete der General, „ist exempt. Wir unterstehen nur dem Hohen Herrn und seinen Gesetzen. Und diese Gesetze gestatten uns, mit Ihnen zu verfahren, wie wir wollen.“
Bevor der Kommissar antworten konnte, ergriffen ihn die Weißgekleideten, knebelten ihn, schleppten ihn zum UFO zurück, wo ihn die eine der zigarrenförmigen Aufbauten verschlang und Streng das Bewusstsein verlor. Als er wieder erwachte, saß er bei sich zu Hause im Ohrensessel vor dem Fernsehgerät. Es lief ein Science-Fiction-Film.
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